Dr. med. Alfred Lipstein
- 03.06.1876, Königsberg, heute Kaliningrad, Russland
- 01.10.1942, Ghetto Theresienstadt, heute Tschechien
- Deportiert im Jahre 1942
- Frankfurt am Main
- Spezialarzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten
Die Familie Alfred und Hilde Lipstein
Geboren wurde Alfred Lipstein am 3.6.1876 im damals preußischen, heute russischen Königsberg – Kaliningrad als Sohn von Wolf Lipstein und seiner Frau Ida in einer kinderreichen Familie jüdischen Glaubens mit mehreren Geschwistern (Paula Pauline Hirschfeldt, Helene Mühsam, Bertha Born, Leo (Leopold) Lipstein, Rosa Jaffé). 1907 heiratete er seine Frau Hilda Lipstein, geb. Sulzbach, die am 4.11.1886 in Frankfurt geboren wurde.
Hilda Lipstein war die Tochter des jüdischen Bankiers und Mäzens Karl Sulzbach und seiner Ehefrau Edith, geborene Kohn-Speyer. Aus Alfred und Helene Lipsteins Ehe gingen vier Kinder hervor, die beiden Töchter Beate und Margot und die Söhne Kurt und Walter. Die vier Kinder wurden im Jahr 1918 in Frankfurt christlich getauft. Der Sohn Kurt Lipstein, am 19.3.1909 geboren, emigrierte nach England und wurde an der Universität Cambridge ein bedeutender Rechtswissenschaftler. Er starb 2006. Margot (1914 – 2006) und Walter (1918 – 1981) konnten in die USA fliehen. Dort änderten sie ihren Nachnamen Lipstein in Lipton.
Eine besondere Laufbahn als Ärztin zeichnet die am 19.5.1912 geborene Tochter Beate Lipstein-Davidson aus.
Sie hatte in Frankfurt das Medizinstudium aufgenommen und 1933 politisch bedingt unterbrechen müssen. Nach ihrer Flucht nach Rom beendete sie dort das Studium und heiratete den Zahnmediziner Dr. Peter Davidson 1939. Er wurde am 25.12. 1911 in Hildesheim geboren, war der Sohn des Arztehepaares Dr. Arnold Davidson und Dr. Clara Davidson-Pietrkowski und war ebenfalls aus Deutschland nach Italien geflohen. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigrierten Beate und Peter Davidson nach Palästina. Dort lebten sie über sieben Jahre in verschiedenen Kibuzim. In Israel wurden die Kinder Joram (1942) und Ruthi (1948) geboren.
Beate war als qualifizierte Gynäkologin tätig und engagierte sich für arabische und jüdische Frauen im Bereich der Geburtenkontrolle. Nach ihrer Trennung von Ehemann Peter 1961 heiratete sie etwa 1970 Dr. Avram Avamoff und gründete den Soroptimist-Serviceclub für berufstätige Frauen und die Freiwilligenorganisation YAEL zur Unterstützung von Krankenhauspersonal. Sie wurde 102 Jahre alt und verstarb am 18.2.2015.
In Frankfurt wohnte die Familie in der Westendstraße 23, dann im Kettenhofweg 121 und zuletzt in der Gaußstraße 30.
Ausbildung und Wirkungsstätten
Alfred Lipstein studierte Medizin in Freiburg, Heidelberg, München und Kiel. 1899 erfolgte nach bestandenem Staatsexamen in Heidelberg sowohl die Approbation als auch die Promotion. Im Hinblick auf seine spätere Tätigkeit als Facharzt für Magen-Darmkrankheiten promovierte er über ein viszeralmedizinisches Thema mit dem Titel: „Beiträge zur Kasuistik der Leberchirurgie“, die er mit Unterstützung der Heidelberger Chirurgen Vinzenz Czerny und Walther Petersen anfertigte.
Nach seinem Umzug nach Frankfurt am Main war er Assistenzarzt am dortigen Institut für Pathologie und wechselte dann zur Weiterbildung und Spezialisierung nach Berlin. Zurück in Frankfurt, war Lipstein Assistent Paul Ehrlichs, der seit 1899 nach seiner Berliner Zeit als Entwickler des ersten Chemotherapeutikums Medizingeschichte schrieb.
1907 ließ sich Alfred Lipstein in Frankfurt am Main zunächst als praktischer Arzt nieder. Ausweislich des Reichsmedizinalkalenders 1910 und kenntlich gemacht durch das Magensymbol war Lipstein seit dieser Zeit als eigenständiger Spezialarzt für Magen-Darm- und Stoffwechselkrankheiten in Frankfurt tätig.
Am Ersten Weltkrieg nahm er als Bataillonsarzt im Infanterieregiment 140 teil.
Nach 1933 – die Deportation
Im Jahr 1930 lebten in Frankfurt am Main mehr als 30.000 Juden. Nach der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten wurden sie zunehmend diffamiert, terrorisiert und ihrer Existenz beraubt. Bis 1939 war etwa die Hälfte der Frankfurter Juden ins Exil geflüchtet. Andere antisemitisch Verfolgte zogen aus ländlichen Regionen zu. In der Anonymität der Großstadt suchten sie Schutz und erhofften sich bessere Auswanderungschancen.
So befanden sich 1941 noch annähernd 10.000 Juden in Frankfurt.
Ab Oktober 1941 organisierte die Geheime Staatspolizei die Deportation dieser Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Als Sammelplatz in Frankfurt mietete die Gestapo den Keller der Großmarkthalle an.
Gestapo-Mitarbeiter, Beamte des Finanzamtes sowie anderer städtischer und staatlicher Institutionen erwarteten hier die als Juden Verfolgten. Diese mussten unter anderem fünfzig Reichsmark für den Transport mit der Bahn, Kennkarten sowie die Vermögenserklärung abgeben, Leibesvisitationen über sich ergehen lassen und nach dem Ende dieser erniedrigenden und zum Teil mit Misshandlungen verbundenen Prozeduren in einem Matratzenlager im Keller auf den Abtransport warten. Daneben ging der tägliche Marktbetrieb weiter, obgleich den dort Beschäftigten die brutalen Vorgänge nicht verborgen blieben.
Das Ehepaar Lipstein wurde am 15. September 1942 im Zuge der neunten großen Deportation aus Frankfurt in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. So hatten die Deportationen ab August 1942 zumeist Theresienstadt zum Ziel. Als Garnisonsstadt der österreichischen Monarchie im späten 18. Jahrhundert gegründet, wurde die Stadt vom NS-Regime 1941 nach Zwangsräumung der tschechischen Bevölkerung in ein Ghetto für zunächst tschechische Juden, ab Juni 1942 auch für deutsche Juden umgewandelt. Von den Deportationen des Frühjahrs 1942 aus Frankfurt waren Menschen über 65, gebrechliche Menschen über 55, Kriegsverwundete und Kriegsausgezeichnete des Ersten Weltkriegs samt ihren Familien zunächst verschont worden. Diese Gruppe wurde nun in mehreren Transporten nach Theresienstadt deportiert.
In zweierlei Hinsicht wurde die Organisationsroutine vom NS-Regime geändert. Die für die Deportation nach Theresienstadt vorgesehenen Juden mussten zuvor zwangsweise einen „Heimeinkaufsvertrag“ abschließen, der die Übertragung ihres gesamten Vermögens an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland vorsah und als fiktive Gegenleistung die lebenslange Nutzung eines Heimplatzes in Theresienstadt vorsah. Das von der Reichsvereinigung eingesammelte Vermögen wurde am Ende von der Gestapo beschlagnahmt. Die andere Änderung betraf die Organisation des Transports selbst. Sammellager für die alten und häufig gebrechlichen Menschen wurden nun verschiedene Altersheime, von wo aus sie mit LKW zur Großmarkthalle und vom dortigen Gleisanschluss aus mit Personenzügen nach Theresienstadt abtransportiert wurden.
Warum ist das Ehepaar Lipstein nicht vor der Zeit der Verfolgung, als die Rettung noch möglich war, emigriert? Die Frage beantwortet der Pfarrer Thomas Sinning aus der evangelischen Dreikönigsgemeinde in Frankfurt-Sachsenhausen anlässlich der Gedenkveranstaltung zur Stolpersteinverlegung für das Ehepaar Lipstein in der Westendstraße 23 am 12. Mai 2011.Es gab nämlich einen besonderen Bezug der Familie Lipstein zu dieser Kirche, da die vier Kinder 1918 dort getauft worden waren. Die Ehefrau von Alfred, Hilde Lipstein, geborene Sulzbach, hatte einen Bruder, Edmund – Eddi -, der an Epilepsie litt. Und weil sie ihren Eltern vor deren Tod versprochen hatte, sich um ihn zu kümmern, sind sie hier in Frankfurt geblieben. Ihre Fürsorge, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Treue haben dazu geführt, dass sie der Verfolgung nicht entrinnen konnten und zu Opfern des menschenverachtenden Naziregimes wurden.
Zwei Wochen nach der Deportation kam Alfred Lipstein am 1. Oktober 1942 mit 66 Jahren in Theresienstadt ums Leben. Aus der Todesbescheinigung, ausgestellt von Dr. Wolf Rübner, geht „Suizidium – Selbstmord“ hervor.
Seine Ehefrau Hilde verstarb bereits am 16. September 1942 im Alter von 55 Jahren bei der Ankunft in Theresienstadt und laut Todesbescheinigung ebenfalls durch Suizid.
Abschließend und in Erinnerung gegen das Vergessen das Gebet des Frankfurter Rabbiners Andy Steiman:
„Durch das Gedenken sollen diejenigen wieder dazugehören, die einst von hier gewaltsam verjagt wurden. Wir wollen uns die Hände reichen und einen Kreis um diese Steine bilden – um die Seelen, die hier einmal wirkten, wieder in unsere Mitte aufzunehmen. Von nun an sollen sie wieder in unserer Mitte sein – wo sie eben waren, bevor sie von hier aus ihren Leidensweg gehen mussten. Wir trauern um sie – und um den Verlust, welchen wir uns selbst erst mit ihrem Ausschluss und dann mit dem Vergessen darüber zugefügt haben.“
Danksagung
Großer Dank gebührt dem Enkelsohn Alfred und Hilde Lipsteins, Joram Davidson, Israel, für seinen Kontakt mit dem Archivar der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Harro Jenss, im Frühjahr 2026 und für die beiden Fotografien seiner Mutter Beate Marianne Davidson und seiner Großmutter Hilde Lipstein.
Beitrag von Prof. Dr. med. Daniel Jaspersen, Stand 24.9.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen