Dr. med. Carl Zaudy
- 02.02.1874, Wesel
- 15.08.1943, Theresienstadt, heute Terezin, Tschechien
- Deportiert im Jahre 1942
- Düsseldorf
- Spezialarzt für Magen-, und Darmkrankheiten
„Geboren wurde ich, Carl Zaudy, als Sohn des Kaufmanns Carl Zaudy und seiner Gattin Jenny, geb. Jordan, zu Wesel am 2.Februar 1874. Nachdem ich die Volksschule daselbst besucht hatte, bezog ich Ostern 1883 das Gymnasium, das ich Ostern 1892 mit dem Zeugnis der Reife verliess. Die ersten vier Semester verbrachte ich in Bonn, wo ich mich dem Studium der Medicin widmete. Nach Ablegung des Tentamen physicum im Februar 1894 studirte ich die beiden folgenden Semester in München und Berlin und kehrte Ostern 1895 nach Bonn zurück, um hier meine Studien zu beendigen. Vom 1. April 1895 bis 1. Juli war ich in der chirurgischen Universitäts-Klinik als studentischer Assistent des Herrn Geheimrath Prof. Dr. Trendelenburg thätig.“ So schreibt es Carl Zaudy im Lebenslauf seiner Dissertation „Ueber die Tuberculose der Alveolarfortsaetze“, mit der er 1896 an der Universität Bonn bei Professor Friedrich Trendelenburg zum Dr. med. promoviert wurde.
Seine Familie war bereits seit dem 17. Jahrhundert in Wesel am Niederrhein ansässig. Sein Vater Carl Zaudy war ausgebildeter Ingenieur und besaß dort eine Schlosserei und Eisenwarenhandlung. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau Julie war er seit 1871 mit der 1839 geborenen Jenny, geb. Jordan verheiratet. Er war gesellschaftlich stark engagiert und warnte bereits 1894 eindringlich vor dem damals schon manifesten Antisemitismus. Er verstarb 1906 im Alter von 75 Jahren. Das elterliche Geschäft wurde von Carl Zaudys Schwester Margarete Brandenstein übernommen und in eines der ersten deutschen modernen Einrichtungshäuser umgewandelt. Carl Zaudy hatte noch zwei jüngere Brüder, Julius, Kaufmann in Berlin und Richard, später Direktor bei der AEG in Berlin. Dieser verfasste 1925 das umfangreiche Werk ”Die Geschichte der Familie Zaudy”, das 1991 von Angehörigen dem Leo Baeck Institut in New York übergeben wurde und eine wertvolle Hilfe beim Quellenstudium war.
Ausbildung und Wirkungsstätte
Nach seiner Bonner Zeit arbeitete Dr. Carl Zaudy kurzfristig als Hilfsassistent an einem Essener Krankenhaus, bevor er seine Weiterbildung bei dem renommierten Internisten Wilhelm Ebstein an der Universität Göttingen fortsetzte. 1901 ließ er sich als Facharzt für Magen- Darmkrankheiten in Düsseldorf in der Grabenstraße 29 nieder.
1904 verlegte er Praxis und Wohnung in die Bismarckstraße 98, ebenfalls in der Düsseldorfer Innenstadt gelegen.
Neben seiner Tätigkeit in der Praxis und seiner Leidenschaft für das Klavierspiel engagierte sich Zaudy auch in der gesundheitlichen Aufklärung der Bevölkerung. Dabei hielt er mehrfach Vorträge in Düsseldorf, u. a. 1911 über ”Hygienische Vorurteile” und 1912 über ”Teuerung und Nahrung”. Dieser wurde anschließend auch im „Düsseldorfer Generalanzeiger“ am 7. Januar 1912 abgedruckt.
Bereits kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Carl Zaudy als ”Freiwilliger Arzt” und blieb bis Kriegsende an der Front, überwiegend in Belgien. Er wurde mit dem ”Eisernen Kreuz II. Klasse” ausgezeichnet.
Anfang 1919 nahm Zaudy wieder seinen Praxisbetrieb in Düsseldorf auf.
Im selben Jahr verstarb seine Mutter Jenny mit 80 Jahren in Wesel. Dr. Carl Zaudy zog 1928 in Düsseldorf in das benachbarte Haus Bismarckstraße 90 um. Er engagierte sich auch weiterhin neben seinem Beruf. So referierte er am 25. März 1928 öffentlich über ”Das Leben und Wirken von Albert Schweitzer”. Nur drei Tage später hielt Schweitzer selbst, ebenfalls in Düsseldorf, einen Vortrag über Johann Sebastian Bach. Er hatte während seines Philosophiestudiums in Straßburg auch Musikseminare zu diesem Komponisten besucht. Auch das neue Medium Radio nutzte Dr. Zaudy für Beiträge über Albert Schweitzer.
In den 1920er Jahren verkaufte er aus seinem mütterlichen Erbe Originalbriefe von Heinrich Heines Mutter Betty. Aus diesem Erlös sandte er 1930 nach dem frühen Tod seiner Schwester Margarete Brandenstein deren Töchtern Nelly (1906-1991) und Luise (1910-1988) 86 holländische Gulden. Beide flüchteten später in die USA.
Nach 1933
Über das weitere Schicksal von Dr. Zaudy mit Beginn der Nazidiktatur ist wenig bekannt. 1937 ist er noch unter seiner letzten Adresse im Reichsmedizinalkalender als Internist aufgeführt.
Detailliert belegen Zeitungsberichte, dass er Anfang August 1939 von einem Düsseldorfer Sondergericht wegen des ”Vergehens gegen das Volksverratsgesetz” zu 18 Monaten Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und 10.000 Reichsmark Geldstrafe verurteilt wurde. Außerdem wurden ihm beschlagnahmte Wertpapiere in Höhe von 20.000 Reichsmark entzogen. Diese hatte er in den 1920er Jahren erworben und angeblich in einer seit April 1938 verpflichtenden „Vermögensaufstellung” nicht angegeben, obwohl sie ungefähr ein Drittel seines Vermögens ausgemacht hätten. Die Wertpapiere seien ”zufällig” Ende 1938 in seiner Wohnung gefunden worden. Möglicherweise bestand dieser ”Zufall” darin, dass er in der Pogromnacht 1938 in seiner Wohnung überfallen wurde, wobei auch Möbel und sein Flügel auf die Straße geworfen wurden. „Strafmildernd“ wurde sein freiwilliger Militärdienst im Ersten Weltkrieg berücksichtigt.
Warum Dr. Zaudy 1940 vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, ist nicht bekannt, vielleicht aufgrund des Umstandes, dass er zu dem Zeitpunkt bereits selber an Diabetes mellitus erkrankt war. Belegt ist, dass er 1940 nach Berlin umzog und dort 1941 die 1891 im Kreis Coesfeld geborene Krankenschwester Martha Benjamin heiratete. Diese war zuvor in Wesel als Freundin seiner Schwester die Erzieherin seiner Nichten gewesen. Sie durfte nicht mehr in ihrem Beruf tätig sein und arbeitete in einer Berufskleidungswäscherei. Der inzwischen 67jährige Carl Zaudy gab als letzte Tätigkeit ”unbesoldeter Helfer bei der Jüdischen Kultusgemeinde Berlin” an.
Deportation nach Theresienstadt
Dr. Carl Zaudy und seine Frau Martha wurden am 6. November 1942 nach Theresienstadt deportiert.
Eine genaue Beschreibung der ersten Wochen dort findet sich im Tagebuch der Malerin Else Argutinsky-Dolgorukow (1873 – 1953):
„Aber doch einen Helfer hatte ich. Ihr werdet staunen. Auf dem Transportwege von Berlin begleitete unsern Wagen bis nach hier ein Arzt, der ab und zu fragen kam nach dem Ergehen der Evakuierten. Da Herr Rothschild vor dem Abmarsch aus der Kl. Hamburger Str.11 einen Herzschwächeanfall hatte, hatte Frau Rothschild ihn gebeten, ungerufen ab und zu wie zufällig nach ihm zu sehen. Der Doktor und seine bedeutend jüngere Frau gefielen uns; er setzte sich zu uns ins Abteil, ich wußte seinen Namen nicht. Dann nannten Rothschilds unser beider Namen; ich sagte ihm gleich, meiner dürfte ihm fremdartig sein, worauf er: »Durchaus nicht. Ich kannte in Bonn als Student einen russischen Professor im Pflügerschen Institut.« (Anmerkung: »Else Argutinsky-Dolgorukow war mit dem russischen Fürsten und Arzt Professor Peter Michailowitsch Argutinsky-Dolgorukow [1850-1911] verheiratet.«). Stellt Euch mein Erstaunen vor! Er: »Aber mein Name dürfte Ihnen völlig fremd sein, er kommt in Deutschland nur einmal vor.« Ich: »Ich kenne ihn aus Düsseldorf, Rosenstr. 35.« Dr. Zandy (Anmerkung: »Richtig: Zaudy. Fehler wahrscheinlich in der Abschrift.«) »Das bin ich, und Rosenstr. 35 wohnten Boschs!« Na, also man war sofort im Bilde, und wir haben uns auch bisher nicht verloren. Erst heute morgen war er bei mir. In Krankheitsfällen noch immer meine Zuflucht.“
Über das Leben von Carl Zaudy in den weiteren Monaten und die Umstände seines Todes in Theresienstadt ist nichts bekannt. Er verstarb dort am 15. August 1943. Seine Ehefrau Martha wurde am 23.10.1944 weiter nach Auschwitz deportiert und dort 1945 ermordet.
Beitrag von Dr. med. Ulrich Menges, Soest. Stand 8.6.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen