Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Felix Boenheim
1890 - 1960

Portrait. Quelle: Bundesarchiv Berlin BPR-903-115 Q76 mit freundlicher Genehmigung
Portrait. Quelle: Bundesarchiv Berlin BPR-903-115 Q76 mit freundlicher Genehmigung

Mitglied seit 1926

Ausbildung in Berlin und Rostock

Politisches und soziales Engagement

Flucht über mehrere Stationen in die USA

Rückkehr nach Leipzig

Titelblatt Dissertation. Quelle: Archiv H Je
Titelblatt Dissertation. Quelle: Archiv H Je
Innere Sekretaion und praktische Medizin. Quelle: Archiv H Je
Innere Sekretaion und praktische Medizin. Quelle: Archiv H Je
Acta Medika Scandinavica 1935. Quelle: Archive CH
Acta Medika Scandinavica 1935. Quelle: Archive CH
Virchow-Werk und Wirkung. Quelle: Archiv H Je
Virchow-Werk und Wirkung. Quelle: Archiv H Je
Grabstelle Südfriedhof Leipzig. Foto: C. Haag November 2025
Grabstelle Südfriedhof Leipzig. Foto: C. Haag November 2025

Prof. Dr. med. Felix Boenheim

  • 1‌7‌.‌0‌1‌.‌1‌8‌9‌0‌, Berlin
  • 3‌1‌.‌0‌1‌.‌1‌9‌6‌0‌, Leipzig
  • Mitglied seit 1926
  • Geflohen 1933, USA
  • Berlin
  • Facharzt für Innere Krankheiten

„Ich, Felix Boenheim, jüdischer Konfession, bin am 17. Januar 1890 zu Berlin als Sohn des Kaufmanns Benno Boenheim und seiner Frau Henriette, geb. Haase, geboren. Ostern 1909 bestand ich die Reifeprüfung an der Goetheschule zu Berlin- Wilmersdorf. Ich studierte dann in München, Berlin, wo ich mein Testamen physicum machte, dann in Freiburg und schließlich wieder in Berlin, wo ich mein Staatsexamen machte“ so Felix Boenheim in seiner Dissertation „Über den Einfluss einiger Chinolinderivate auf die Harnsäure- und Allantoin-Ausscheidung des Hundes“, die er an der II. Medizinischen Universitätsklinik der Charité bei Friedrich Kraus unter dem Betreuer Theodor Brugsch erstellte und am 15.10.1914 mit der Promotion abschloss.

Titelblatt Dissertation. Quelle: Archiv H Je
Titelblatt Dissertation. Quelle: Archiv H Je

 

 

Ausbildung und Wirkstätte

Am 20.6.1914 beginnt er seine Tätigkeit als Medizinalassistent im Städtischen Krankenhaus Berlin-Moabit wenige Tage nach der Hochzeit mit seiner Kommilitonin Hanna Kroll. Die Kinder Renate, Anatol und Hans Fodor werden 1916, 1917 und 1921 geboren. Aus einer späteren Ehe mit Margarete Bechhöfer stammt die Tochter Annette, geb. 1948.

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges wird Boenheim Sanitätsoffizier in verschiedenen Lazaretten und wird 1916 vorläufig, 1917 dann endgültig wegen eines Herzfehlers entlassen.

Münchner Med. Wochenschrift 1917
Münchner Med. Wochenschrift 1917

Stationen seiner klinischen Tätigkeit sind in Berlin die III.Berliner Universitätsklinik an der Charite (bei Alfred Goldscheider), die Medizinische Klinik Neukölln (bei Rudolf Ehrmann), in Rostock die Medizinische Universitätsklinik (bei Hans Curschmann), danach die Innere Abteilung des Städtischen Krankenhauses Nürnberg (Johannes Müller) und in Stuttgart am Katharinenhospital (bei Konrad Sick).  1921 kehrt er nach Berlin zurück und lässt sich als Facharzt für Innere Krankheiten in der Lessingstr. 13 nieder. Nicht nur während der Zeit in den verschiedenen Kliniken, sondern auch als niedergelassener Arzt arbeitet er weiter wissenschaftlich und publiziert zahlreiche Arbeiten. Seine ca. 100 Publikationen bis 1933 befassen sind in den ersten Jahren u.a. mit der Pathophysiologie des Verdauungstraktes, der Ernährung und später mit der Endokrinologie.

Archiv für Verdauungskrankheiten 1919
Archiv für Verdauungskrankheiten 1919
Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin Volume 71, Seiten 88–107, (1930).
Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin Volume 71, Seiten 88–107, (1930).

Er gibt 1927 zusammen mit Hermann Strauß das Lehrbuch „Innere Sekretion und praktische Medizin“ heraus.

Innere Sekretaion und praktische Medizin. Quelle: Archiv H Je
Innere Sekretaion und praktische Medizin. Quelle: Archiv H Je

1929 übernimmt er die Leitung der Inneren Abteilung des Städtischen Hufeland -Hospitals in Berlin.

Seit Mitte der 1920er Jahre beschäfftigte sich Felix Boenheim als beratender Arzt der Internationalen Arbeiterhilfe mit den Auswirkungen der  Weltwirtschaftskrise auf die Gesundheit, vor allem auf die Ernährung. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen konnte er in mehreren Vorträgen vorstellen. Der Vortrag am 25.1.1933 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft wurde noch im Februar 1933 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht, die Publikation seiner Forschungsergebnisse konnten jedoch erst während seines Exils in Jerusalem in der Zeitschrift Acta Medica Scandinavica 1934 und 1935 in Schweden erfolgen. Alfred Schittenhelm  hatte die Publikation in der Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin im Juni 1933 abgelehnt (Brief Schittenhelms vom 22. Juni 1933, SLUB Dresden Teilnachlass Felix Boenheim). Schittenhelm war zu diesem Zeitpunkt bereits NSDAP-Mitglied und der Vorsitzende der Gesellschaft für Innere Medizin als Nachfolger von Leopold Lichtwitz, der als Jude abgesetzt worden war.

Brief (1) A. Schittenhelm 1933. Quelle: Teilnachlass Felix Boenheim, sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.
Brief (1) A. Schittenhelm 1933. Quelle: Teilnachlass Felix Boenheim, sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.
Brief (2) A. Schittenhelm 1933. Quelle: Teilnachlass Felix Boenheim, sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.
Brief (2) A. Schittenhelm 1933. Quelle: Teilnachlass Felix Boenheim, sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.
Acta Medica Scandinavica 1934. Quelle: Archiv CH
Acta Medica Scandinavica 1934. Quelle: Archiv CH
Acta Medika Scandinavica 1935. Quelle: Archive CH
Acta Medika Scandinavica 1935. Quelle: Archive CH

Felix Boenheim war politisch hochaktiv. Bereits 1915 nahm er an der Jahresversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft teil.  Sein Biograph Thomas Michael Ruprecht schildert seine Entwicklung: „Vom Kriegsgegner 1915, USPD-Anhänger 1917, Spartakisten 1918 zum libertären Kommunisten und Wahlbolschewik 1919“ (Ruprecht: Felix Boenheim, Georg Olms Verlag 1992, Seite 99). Zahlreiche seiner Publikationen befassen sich mit gesellschaftspolitischen und pazifistischen Themen.

1932 bereitete er den internationalen Antikriegskongress in Amsterdam vor, war der Leiter der deutschen Delegation und war Gründungsmitglied der am 27.8.1932 gegründeten Internationalen Gesellschaft der Ärzte gegen den Krieg und Faschismus und wurde deren Präsident. Zu den Mitgliedern der deutschen Sektion der Gesellschaft zählten u.a. Hermann Strauß

 

Nach 1933

Felix Boenheim war als Jude und „ bekennder Linker“ frühzeitig der Verfolgung der Nationalsozialisten ausgesetzt.  Er rief 1931 gegen den Hartmannbund und dessen Politik auf. Boenheim wurde am 4.3.1931 aus dem Leipziger Verband ausgeschlossen und verlor somit zwangsläufig seine Kassenzulassung. Es folgte eine langwierige juristische Auseinandersetzung. Der bereits anberaumte Gerichtstermin im April 1933 kam nicht mehr zustande, da sich Boenheim zu diesem Zeitpunkt in sogenannter Schutzhaft befand. Am 28.7. 1933 wird er nur unter der Bedingung entlassen, umgehend aus Deutschland auszureisen. Es beginnt eine Flucht durch verschiedene Länder. Die Arbeitsmöglichkeiten sind überall schwierig (Schweiz, Frankreich, England, erneut Frankreich, Palästina und USA). In den USA erhält er nach einer Sprachprüfung die Zulassung, den ärztlichen Beruf aufzuüben. Er gründet 1936 eine Praxis in New York City. Zudem ist er Belegarzt am Beth David Hospital und Metropolital Hospital und hält ab 1942 Vorlesungen am New York Medical College. Forschung und Publikationen sind nur begrenzt möglich. Am 14.5. 1940 wird er vom Deutschen Reich ausgebürgert. Die US- Staatsbürgerschaft erhält er 1941.

Kriegsanleihe USA. Quelle: Archiv der Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.
Kriegsanleihe USA. Quelle: Archiv der Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.

Auch im amerikanischen Exil engagiert er sich politisch. Bei weiter bestehenden Kontakten zu Kommunisten ist er auch hier Anfeindungen ausgesetzt. Er kehrt am 6.5.1949 in die spätere DDR zurück und folgt einer Berufung zum Professor für Innere Medizin und Leiter der Universitätspoliklinik nach Leipzig.

Personalbogen DDR. Quelle: Bundesarchiv BArch DY30 89750 Bl 47 mit freundlicher Genehmigung
Personalbogen DDR. Quelle: Bundesarchiv BArch DY30 89750 Bl 47 mit freundlicher Genehmigung

Ab 1950 übernimmt er zusätzlich die kommissarische Leitung des Instituts für Geschichte der Medizin. Nach 1955 nach der Emeritierung als Leiter der Medizinischen Poliklinik wird er zum Direktor des medizin-historischen Instituts ernannt. Er publiziert zur Geschichte der Medizin, so z.B. 1957 das Werk „Huan-ti bis Harvey: Zur Geschichte der Entdeckung des Blutkreislaufs“.

Von Huang-ti bis Harvey.  VEB Verlag Jena 1957
Von Huang-ti bis Harvey. VEB Verlag Jena 1957

In seinem Buch „Virchow – Werk und Wirkung“, erschienen 1957, setzt er sich kritisch mit Rudolf Virchow auseinander: „Was uns heute besonders an ihm interessiert, ist die Abhängigkeit seines wissenschafltichen Wirkens von seiner Einstellung zur gesellschaftlichen Situation.“  (Brief Felix Boenheim an Arnold Zweig, in Ruprecht: Felix Boenheim, Georg Olms Verlag 1992, Seite 389).

Virchow-Werk und Wirkung. Quelle: Archiv H Je
Virchow-Werk und Wirkung. Quelle: Archiv H Je

1947 erlitt Boenheim einen ersten Herzinfarkt. In den nachfolgenden Jahren verschlechterte sich sein Gesundheitszustand kontinuierlich. Felix Boenheim stirbt wenige Tage nach seinem 70.Geburtstag am 31.1.1960. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Südfriedhof Leipzig.

Grabstelle Südfriedhof Leipzig. Foto: C. Haag November 2025
Grabstelle Südfriedhof Leipzig. Foto: C. Haag November 2025

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Beitrag zur Frage der Kriegsnährschäden. Münchner Medizinische Wochenschrift 1917, 64; 27, 873-875
  2. Über den Einfluss der Inkrete auf die Motilität des Verdauungsstraktes. Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin 1923; 32(14) 179-196
  3. Zur Physiologie und Pathologie des zeitlichen Ablaufs der Eiweißverdauung im menschlichen Magen. Archiv für Verdauungskrankheiten 1919, Bd 25, 258-318
  4. Über chronische benigne Hypofunktion der Nebennieren: Ein Beitrag zur Kenntnis der vegetativ-endokrinen Heredodegeneration. Klinische Wochenschrift 1925; Vol. 4 (24):1159-1162
  5. Kritische Bemerkungen über die Verwendung der Verweilsonde zur Sekretionsprüfung des Magens. Klinische Wochenschrift 1925; 40: 1942
  6. Mit Hermann Strauß: Innere Sekretion und praktische Medizin. Hrg. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Halle a.d.S. 1927
  7. Über das Minutenvolumen des Magens und seine Beeinflussung durch Blutdruck, durch Vagusreizung, durch Histamin und durch Organextrakte. Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin Volume 1930; 71: 88–107.
  8. Über Unterernährung. Deutsche Medizinische Wochenschrift 1933; 59 (8): 296-298. Vortrag in der Berliner Medizinischen Gesellschaft am 25.1.1933.
  9. A Contribution to the Pathology of Malnutrition, I. Acta Medica Scandinavica; 1934, Vol. 84 Issue 2/3, Seite 115-146,
  10. A contribution to the Pathology of Malnutrition, II1. Acta Medica Scandinavica; 1935, Vol. 84 Issue 4/5, Seite 355-373,
  11. Von Huang-ti bis Harvey: Zur Geschichte der Entdeckung des Blutkreislaufs. VEB Gustav Fischer Verlag, Jena, 1957.
  12. Virchow. Werk und Wirkung. Hrg. Verlag Rütten Loening, Berlin 1957

Beitrag von Dr. med. Cornelie Haag, Dresden und Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 13.11.2025


Quellen und Literatur
zu den Quellen
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Felix Boenheim

Quellen:

Boenheim 2 BArch_DY30-89750_Bl_47

Staatsbibliothek Berlin

Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dreden. Signatur: SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Boenheim.

Literatur:

Thomas Michael Ruprecht: Felix Boenheim-Arzt, Politiker, Historiker. Eine Biographie. 1992 Georg Olms Verlag. Hildesheim, Zürich, New York

Berliner-Aerzt-innen. Mitteilungsblatt Ärztekammer Berlin Ausgabe 1-25 (2025-01_Berliner-Aerzt-innen_web.pdf)