Dr. med. Franz Louis Ehrlich
- 13.05.1869, Belgard, heute Białogard, Polen
- 01.04.1942, Ghetto Głusk, nahe Lublin, Polen
- Deportiert im Jahre 1940
- Stettin
- Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten
Franz Louis Ehrlich wurde am 13. Mai 1869 als Sohn des Justizrates Max Ehrlich (1832-1892) und seiner Ehefrau Charlotte, geb. Schlesinger in Belgard, im früheren Pommern (heute Białogard, Polen) geboren. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft.
Ausbildung und Wirkungsstätte
1895 beendete Franz Ehrlich an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg sein Medizinstudium. An der dortigen Medizinischen Fakultät wurde er mit der Arbeit „Eignet sich Formaldehyd zur Conservierung von Nahrungsmitteln?“ promoviert. Im gleichen Jahr erhielt er seine ärztliche Approbation.
Die Stationen seiner Weiterbildung und Spezialisierung sind (bisher) nicht bekannt. Seit 1900 arbeitete er als niedergelassener Arzt in Stettin (Reichsmedizinalkalender / RMK, 1900). In dieser Stadt wird er in den nächsten 38 Jahren tätig sein. Seit 1903 erwähnt ihn der Reichsmedizinalkalender in Stettin als Spezialarzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten. Nebenher führte er seit dieser Zeit eine Privatklinik für sein Fachgebiet bis zum Ende der 1920er Jahre.
Seine Praxis befand sich in der Stettiner Friedrich Karl Strasse 3. Franz Ehrlich gehörte neben dem jüdischen Arzt Adolf Guttentag und dem Mediziner Franz A. Rollin zu den ersten drei Spezialärzten für das neue Fachgebiet der Gastroenterologie in Stettin und der weiteren Umgebung der Stadt.
Ehrlich war mit Franziska Jelski-Godin verheiratet. Die Ehe wurde geschieden. Seine zweite Ehefrau Lucie, geborene Frankenstein, stammte aus Landeshut in Niederschlesien (heute Kamienna Gora, Polen). 1900 wurde der Sohn Max Ehrlich geboren, 1903 folgte die Tochter Annemarie Nanni.
1909 kam der zweite Sohn, Otto Peter Ehrlich zur Welt. Die Mutter der Kinder, Lucie Ehrlich, starb am 5.12. 1914 39-jährig. Nach dem Tod seiner Ehefrau heiratete Franz Ehrlich später die in Neuwedell, Westpommern, heute Drawno, Polen, am 19.10.1876 geborene Elsbeth Recha Richter, geborene Faber.
1933
Am 1. April 1933 erlebte Franz Ehrlich den Boykott der ärztlichen Praxen und in der Folge die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten.
Er verlor seine Kassenzulassung. Seine Praxis befand sich nach Angaben im Reichsmedizinalkalender 1937 weiterhin in der Friedrich Karl Strasse 3. Mit dem 30. September 1938 wurde ihm die ärztliche Approbation entzogen.
Deportation
Am 13. Februar 1940 gehörten Franz Ehrlich und seine Ehefrau Recha zu den eintausend Jüdinnen und Juden, die aus Stettin zunächst nach Lublin in Polen deportiert und von dort in die umgebenden Kleinstädte verbracht wurden.
Das Ehepaar Ehrlich musste in dem Ort Głusk, etwa 9 km von Lublin entfernt, im dortigen jüdischen Ghetto leben.
Franz Louis Ehrlich starb im Ghetto Głusk am 1. 4. 1942 an den Folgen einer Infektion mit Flecktyphus. Seine Ehefrau Frau Elsbeth Recha Ehrlich starb am 7. 5. 1942 ebenfalls im Ghetto Głusk.
Nächste Familienangehörige
Der Sohn, der Kaufmann Max Ehrlich (geb. 1900), lebte in Berlin-Schöneberg und konnte 1940 über Genua in die USA fliehen. Die Familie erreichte am 1. April 1940 mit der SS Washington New York. Max Ehrlich starb 1965.
Die Tochter Franz und Lucie Ehrlichs, Annemarie Nanni, geboren am 18.3.1903, heiratete nach der Trennung von ihrem ersten Ehemann Erich Levy (geb. 6.8.1896 in Altsarnow im früheren Pommern, Heirat 1922, Scheidung 1928) den Getreidehändler Max Löwy (geb. 6.7.1889 im früheren Sypniewo in Westpreußen). Aus ihrer ersten Ehe stammte ihre Tochter Ruth Lucie Levy, geboren am 24.7.1923 in Stettin. Annemarie Löwy-Ehrlich lebte mit ihrer Tochter seit Oktober 1939 in Frankreich in Lyon und Marseille und konnte noch während des Zweiten Weltkrieges in die USA fliehen.
Sie lebte seither in Brookline, Massachusetts und danach in West Roxbury, bei Boston, Massachussetts, gelegen. Sie starb im Februar 1973 in Luxemburg-Stadt in der Nähe ihrer Tochter. Ihre Grabstätte findet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Luxemburg-Stadt.
Ihre Tochter Ruth überlebte den Holocaust in Frankreich und lernte dort Paul Wassermann, den späteren Besitzer des großen Geschäftshauses Centre Rosenstiel in Luxemburg-Stadt, kennen. Paul Wassermann war vor den Nationalsozialisten aus Luxemburg nach Frankreich geflohen, konnte bei Bauern im Jura untertauchen, schloss sich der Resistance an und wurde in die französische Armee integriert. Nach der Befreiung heirateten Paul Wassermann und Ruth Levy 1945 in Luxemburg. Sie lebten seither in Luxemburg-Stadt. Ruth (Raymonde) Lucie Wassermann starb 2005, Paul Wassermann 2010.
Franz und Lucie Ehrlichs Sohn Otto Peter, geb. am 20. 12. 1909, begann im April 1931 das Medizinstudium in Breslau, heute Wroclaw, Polen, und setzte es nach zwei Semestern an der Universität Heidelberg fort. Dort legte er im Dezember 1936 das Staatsexamen ab und wurde an der Heidelberger Medizinischen Fakultät 1937 promoviert.
Otto Ehrlich konnte mit seiner Frau in die USA fliehen, erhielt eine Lizenz zur ärztlichen Tätigkeit, arbeitete als Chirurg und lebte in dem kleinen Ort Caseyville, County St. Clair, in Illinois unweit der Grenze zu Missouri, etwa 20 km östlich von St. Louis. Otto Peter Ehrlich starb 61-jährig 1971.
Der Schwiegersohn Erich Levy aus der ersten Ehe der Tochter Annemarie Nanni Ehrlichs wurde in Drancy / Frankreich von der Gestapo inhaftiert und am 7.9.1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.
Der Schwiegersohn Max Löwy wurde im Februar 1940 wie Franz und Elsbeth Recha Ehrlich aus Stettin deportiert. Er wurde im Jüdischen Ghetto des Ortes Piaski im Distrikt Lublin ermordet.
Franz Ehrlichs jüngerer Bruder, der 1874 geborene in Erfurt tätige Gastroenterologe Dr. Ernst Emanuel Ehrlich wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt, heute Terezin, Tschechien, deportiert und starb im gleichen Jahr im Ghetto an den Folgen einer Darminfektion.
Danksagung
Frau Ghislaine Haustgen-Wassermann gebührt größter Dank für ihre Hinweise zur Biographie ihrer Großmutter Annemarie Löwy-Ehrlich (Levy-Ehrlich). Erst durch ihre Informationen habe ich die enge Verbindung zwischen der Familie Ehrlich, Stettin, und der Familie Paul Wassermanns, Luxemburg, entdecken können.
Der Historikerin Sharon Meen, Vancouver, danke ich für den Gedankenaustausch.
Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 25.1.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen