Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Dr. med.
Franz Louis Ehrlich
1869 - 1942

Dr. Franz Ehrlich. Quelle: Archiv Yad Vashem
Dr. Franz Ehrlich. Quelle: Archiv Yad Vashem

Studium der Medizin in Würzburg

Dissertation 1895

Niederlassung in Stettin

Deportation in das Ghetto Głusk

Dissertation 1895, Kopie Titelblatt Arch H Je
Dissertation 1895, Kopie Titelblatt Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1903. Die Zahl nach dem Namen bedeutet Jahr der Approbation, das Magensymbol steht für Spezialarzt Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten, das Gebäude-Symbol steht für Privatklinik, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1903. Die Zahl nach dem Namen bedeutet Jahr der Approbation, das Magensymbol steht für Spezialarzt Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten, das Gebäude-Symbol steht für Privatklinik, Kopie Arch H Je
Kennkarte Franz Ehrlichs 1939. Quelle: Archiv Yad Vashem
Kennkarte Franz Ehrlichs 1939. Quelle: Archiv Yad Vashem
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert F. Ehrlich als Juden. Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert F. Ehrlich als Juden. Kopie Arch H Je
Liste der aus Stettin deportierten Juden. Quelle: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213.html
Liste der aus Stettin deportierten Juden. Quelle: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213.html

Dr. med. Franz Louis Ehrlich

  • 1‌3‌.‌0‌5‌.‌1‌8‌6‌9‌, Belgard, heute Białogard, Polen
  • 0‌1‌.‌0‌4‌.‌1‌9‌4‌2‌, Ghetto Głusk, nahe Lublin, Polen
  • Deportiert im Jahre 1940
  • Stettin
  • Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten

Franz Louis Ehrlich wurde am 13. Mai 1869 als Sohn des Justizrates Max Ehrlich (1832-1892) und seiner Ehefrau Charlotte, geb. Schlesinger in Belgard, im früheren Pommern (heute Białogard, Polen) geboren. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft.

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

1895 beendete Franz Ehrlich an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg sein Medizinstudium. An der dortigen Medizinischen Fakultät wurde er mit der Arbeit „Eignet sich Formaldehyd zur Conservierung von Nahrungsmitteln?“ promoviert. Im gleichen Jahr erhielt er seine ärztliche Approbation.

Dissertation 1895, Kopie Titelblatt Arch H Je
Dissertation 1895, Kopie Titelblatt Arch H Je

Die Stationen seiner Weiterbildung und Spezialisierung sind (bisher) nicht bekannt. Seit 1900 arbeitete er als niedergelassener Arzt in Stettin (Reichsmedizinalkalender / RMK, 1900). In dieser Stadt wird er in den nächsten 38 Jahren tätig sein. Seit 1903 erwähnt ihn der Reichsmedizinalkalender in Stettin als Spezialarzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten. Nebenher führte er seit dieser Zeit eine Privatklinik für sein Fachgebiet bis zum Ende der 1920er Jahre.

Reichsmedizinalkalender 1903. Die Zahl nach dem Namen bedeutet Jahr der Approbation, das Magensymbol steht für Spezialarzt Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten, das Gebäude-Symbol steht für Privatklinik, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1903. Die Zahl nach dem Namen bedeutet Jahr der Approbation, das Magensymbol steht für Spezialarzt Magen-, Darm- u. Stoffwechselkrankheiten, das Gebäude-Symbol steht für Privatklinik, Kopie Arch H Je

Seine Praxis befand sich in der Stettiner Friedrich Karl Strasse 3. Franz Ehrlich gehörte neben dem jüdischen Arzt Adolf Guttentag und dem Mediziner Franz A. Rollin zu den ersten drei Spezialärzten für das neue Fachgebiet der Gastroenterologie in Stettin und der weiteren Umgebung der Stadt.

Ehrlich war mit Franziska Jelski-Godin verheiratet. Die Ehe wurde geschieden. Seine zweite Ehefrau Lucie, geborene Frankenstein, stammte aus Landeshut in Niederschlesien (heute Kamienna Gora, Polen). 1900 wurde der Sohn Max Ehrlich geboren, 1903 folgte die Tochter Annemarie Nanni.

Annemarie N. Löwy, geb. Ehrlich in jungen Jahren, copyright Ghislaine Haustgen
Annemarie N. Löwy, geb. Ehrlich in jungen Jahren, copyright Ghislaine Haustgen

1909 kam der zweite Sohn, Otto Peter Ehrlich zur Welt. Die Mutter der Kinder, Lucie Ehrlich, starb am 5.12. 1914 39-jährig. Nach dem Tod seiner Ehefrau heiratete Franz Ehrlich später die in Neuwedell, Westpommern, heute Drawno, Polen, am 19.10.1876 geborene Elsbeth Recha Richter, geborene Faber.

Reichsmedizinalkalender 1933, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1933, Kopie Arch H Je

 

1933

Am 1. April 1933 erlebte Franz Ehrlich den Boykott der ärztlichen Praxen und in der Folge die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten.

Kennkarte Franz Ehrlichs 1939. Quelle: Archiv Yad Vashem
Kennkarte Franz Ehrlichs 1939. Quelle: Archiv Yad Vashem

Er verlor seine Kassenzulassung. Seine Praxis befand sich nach Angaben im Reichsmedizinalkalender 1937 weiterhin in der Friedrich Karl Strasse 3.  Mit dem 30. September 1938 wurde ihm die ärztliche Approbation entzogen.

Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert F. Ehrlich als Juden. Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert F. Ehrlich als Juden. Kopie Arch H Je

Deportation

Am 13. Februar 1940 gehörten Franz Ehrlich und seine Ehefrau Recha zu den eintausend Jüdinnen und Juden, die aus Stettin zunächst nach Lublin in Polen deportiert und von dort in die umgebenden Kleinstädte verbracht wurden.

Liste der aus Stettin deportierten Juden. Quelle: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213.html
Liste der aus Stettin deportierten Juden. Quelle: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213.html

Das Ehepaar Ehrlich musste in dem Ort Głusk, etwa 9 km von Lublin entfernt, im dortigen jüdischen Ghetto leben.

Franz Louis Ehrlich starb im Ghetto Głusk am 1. 4. 1942 an den Folgen einer Infektion mit Flecktyphus. Seine Ehefrau Frau Elsbeth Recha Ehrlich starb am 7. 5. 1942 ebenfalls im Ghetto Głusk.

Internationaler Suchantrag für Dr. Franz Ehrlich, gestellt von seinem Sohn Dr. Otto Ehrlich, USA. Quelle: Arolsen Archive
Internationaler Suchantrag für Dr. Franz Ehrlich, gestellt von seinem Sohn Dr. Otto Ehrlich, USA. Quelle: Arolsen Archive

Nächste Familienangehörige

Der Sohn, der Kaufmann Max Ehrlich (geb. 1900), lebte in Berlin-Schöneberg und konnte 1940 über Genua in die USA fliehen. Die Familie erreichte am 1. April 1940 mit der SS Washington New York. Max Ehrlich starb 1965.

Grabstein für den Sohn Max und die Schwiegertochter Gerda Ehrlich. Quelle: find a grave
Grabstein für den Sohn Max und die Schwiegertochter Gerda Ehrlich. Quelle: find a grave

Die Tochter Franz und Lucie Ehrlichs, Annemarie Nanni, geboren am 18.3.1903, heiratete nach der Trennung von ihrem ersten Ehemann Erich Levy (geb. 6.8.1896 in Altsarnow im früheren Pommern, Heirat 1922, Scheidung 1928) den Getreidehändler Max Löwy (geb. 6.7.1889 im früheren Sypniewo in Westpreußen). Aus ihrer ersten Ehe stammte ihre Tochter Ruth Lucie Levy, geboren am 24.7.1923 in Stettin. Annemarie Löwy-Ehrlich lebte mit ihrer Tochter seit Oktober 1939 in Frankreich in Lyon und Marseille und konnte noch während des Zweiten Weltkrieges in die USA fliehen.

Unterschrift 1959, Quelle: Landesarchiv Berlin, Wiedergutmachungsakte
Unterschrift 1959, Quelle: Landesarchiv Berlin, Wiedergutmachungsakte
Annemarie N. Löwy, Anfang der 1960er Jahre, copyright Ghislaine Haustgen
Annemarie N. Löwy, Anfang der 1960er Jahre, copyright Ghislaine Haustgen

Sie lebte seither in Brookline, Massachusetts und danach in West Roxbury, bei Boston, Massachussetts, gelegen. Sie starb im Februar 1973 in Luxemburg-Stadt in der Nähe ihrer Tochter. Ihre Grabstätte findet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Luxemburg-Stadt.

Ihre Tochter Ruth überlebte den Holocaust in Frankreich und lernte dort Paul Wassermann, den späteren Besitzer des großen Geschäftshauses Centre Rosenstiel in Luxemburg-Stadt, kennen. Paul Wassermann war vor den Nationalsozialisten aus Luxemburg nach Frankreich geflohen, konnte bei Bauern im Jura untertauchen, schloss sich der Resistance an und wurde in die französische Armee integriert. Nach der Befreiung heirateten Paul Wassermann und Ruth Levy 1945 in Luxemburg. Sie lebten seither in Luxemburg-Stadt. Ruth (Raymonde) Lucie Wassermann starb 2005, Paul Wassermann 2010.

Grabstein für Annemarie Löwy-Ehrlich. Jüdischer Friedhof Luxemburg-Stadt. Copyright: Ghislaine Haustgen
Grabstein für Annemarie Löwy-Ehrlich. Jüdischer Friedhof Luxemburg-Stadt. Copyright: Ghislaine Haustgen

Franz und Lucie Ehrlichs Sohn Otto Peter, geb. am 20. 12. 1909, begann im April 1931 das Medizinstudium in Breslau, heute Wroclaw, Polen, und setzte es nach zwei Semestern an der Universität Heidelberg fort. Dort legte er im Dezember 1936 das Staatsexamen ab und wurde an der Heidelberger Medizinischen Fakultät 1937 promoviert.

Unterschrift des Sohnes Dr. Otto Peter Ehrlich. Quelle: US-Einbürgerungsantrag, familysearch.org
Unterschrift des Sohnes Dr. Otto Peter Ehrlich. Quelle: US-Einbürgerungsantrag, familysearch.org

Otto Ehrlich konnte mit seiner Frau in die USA fliehen, erhielt eine Lizenz zur ärztlichen Tätigkeit, arbeitete als Chirurg und lebte in dem kleinen Ort Caseyville, County St. Clair, in Illinois unweit der Grenze zu Missouri, etwa 20 km östlich von St. Louis. Otto Peter Ehrlich starb 61-jährig 1971.

Grabstein für den Sohn Otto Peter und die Schwiegertochter Margaret Betty Ehrlich. Quelle: find a grave
Grabstein für den Sohn Otto Peter und die Schwiegertochter Margaret Betty Ehrlich. Quelle: find a grave

Der Schwiegersohn Erich Levy aus der ersten Ehe der Tochter Annemarie Nanni Ehrlichs wurde in Drancy / Frankreich von der Gestapo inhaftiert und am 7.9.1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Der Schwiegersohn Max Löwy wurde im Februar 1940 wie Franz und Elsbeth Recha Ehrlich aus Stettin deportiert. Er wurde im Jüdischen Ghetto des Ortes Piaski im Distrikt Lublin ermordet.

Franz Ehrlichs jüngerer Bruder, der 1874 geborene in Erfurt tätige Gastroenterologe Dr. Ernst Emanuel Ehrlich wurde 1942 in das Ghetto Theresienstadt, heute Terezin, Tschechien, deportiert und starb im gleichen Jahr im Ghetto an den Folgen einer Darminfektion.

Danksagung

Frau Ghislaine Haustgen-Wassermann gebührt größter Dank für ihre Hinweise zur Biographie ihrer Großmutter Annemarie Löwy-Ehrlich (Levy-Ehrlich). Erst durch ihre Informationen habe ich die enge Verbindung zwischen der Familie Ehrlich, Stettin, und der Familie Paul Wassermanns, Luxemburg, entdecken können.

Der Historikerin Sharon Meen, Vancouver, danke ich für den Gedankenaustausch.

Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 25.1.2026


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Dr. med. Franz Louis Ehrlich

Quellen

Landesarchiv Berlin / LArch Bln, Wiedergutmachungsakten Annemarie Löwy, geb. Ehrlich, B Rep 025-08 Nr. 1561/57 und Rep 025-08 Nr. 53/65

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten / LABO Berlin, Entschädigungsbehörde, Entschädigungsakte für Max Ehrlich, Reg.Nr. 59 020

Literatur

Ehrlich F. Eignet sich Formaldehyd zur Conservierung von Nahrungsmitteln? Medizinische Dissertation, Würzburg, 1895. Staatsbibliothek Berlin-Preußischer Kulturbesitz / SBB-PK Sign. Ja 14 128-1, [ohne Lebenslauf].

Ehrlich O. Normale Bewegungsbreite des Schultergelenks in verschiedenen Lebensaltern. Medizinische Dissertation, Heidelberg, 1937. Bayerische Staatsbibliothek / BSB, Sign. U 37.5170, [Lebenslauf S. 9f].

Reichsmedizinalkalender 1903, 1910, 1933 und 1937 [https://digital.zbmed.de/medizingeschichte/periodical/structure/4948689]

Weblinks

https://www.geni.com/people/Franz-Ehrlich/6000000073432907883 , [Eintrag der Historikerin Sharon Meen] Stand 23.12.2025

https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_brb_400213.html [„Statistik und Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Deutschen reich. Stettin nach Lublin 13.2.1940, Deportierte 1107“]

https://blog.ehri-project.eu/de/2025/10/16/die-verschwundenen-judinnen-und-juden-von-stettin/ [Zur Deportation der Stettiner Jüdinnen und Juden am 13. Februar 1940, Beitrag von Judith Haran], Stand 22. 12. 2025

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/131630111?s=Franz%20Ehrlich%20&t=751750&p=1 [Such-Karteikarte Dr. Franz Ehrlich, beantragt vom Sohn Dr. Otto Ehrlich], Stand 22. 12. 2025

https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=cammin_kreis&ID=I84950&lang=de [Eintrag Erich Levy und Annemarie Nanni Ehrlich], Stand 12.1.2026

https://collections.yadvashem.org/de/names/11574735 [Eintrag für Erich Levy, geb. 6.8.1896 in Altsarnow, Pommern, Ehemann Annemarie Nanni Ehrlichs 1922-1928] Stand 12.1.2026

https://collections.yadvashem.org/de/names/7696645 [Eintrag für Annemarie Löwy, geb. 18.3.1903 in Stettin], Stand 26. 12. 2025

https://collections.yadvashem.org/de/names/9571366 [Eintrag und Gedenkblatt für Max Löwy, geb. 6.7.1889, von Paul Wassermann, Luxemburg], Stand 25.12.2025

https://collections.yadvashem.org/de/names/782379 [Gedenkblatt für Erich Levy, geb. 6. 8. 1896 in Alt Sarnow. Das Gedenkblatt ist unterzeichnet von Levys Tochter Ruth Wassermann-Levy 1981] , Stand 25.1.2026

https://ressources.memorialdelashoah.org/notice.php?q=identifiant_origine:(FRMEMSH0408707110908 [Erinnerungsseite für Erich Levy, Memorial de la Shoa, Paris], Stand 25.1.2026

https://orbilu.uni.lu/bitstream/10993/33504/1/342744_Wortex-April-2017-Zeitzeugen.pdf [Beitrag I. Ganschow zur Geschichte des Centre Rosenstiel in Luxemburg-Stadt, Grand Rue / Rue Philippe II, 2017], Stand 2.1.2026