Prof. Dr. med. Georg Ludwig Zuelzer
- 10.07.1870, Berlin
- 16.10.1949, Patchogue, New York, USA
- Mitglied seit 1926
- Geflohen 1934, USA
- Berlin
- Facharzt für Innere Krankheiten, Stoffwechselforscher
Georg Zuelzer wurde am 10.4.1870 als Sohn des Internisten Wilhelm Zuelzer (1834 bis 1893) in Berlin, geboren. Wilhelm Zuelzer hatte sich durch Forschungen auf dem Gebiet der Hygiene und Infektionskrankheiten einen Namen gemacht. 1867 habilitierte er sich an der Berliner Universität für das Fach Hygiene. Eine Habilitation war in der damaligen Zeit für Juden an der Breslauer Universität nicht möglich. Er war der erste, der das Fach Hygiene an der Universität in Berlin vertrat. An der Charité wurde er Leiter der neu eingerichteten Pockenabteilung und gründete eine eigene Poliklinik. 1884 wurde er zum Professor ernannt. Georg Zuelzers Mutter war Franziska, geborene Abel (1845 bis 1929). Die Familie Zuelzer gehörte der jüdischen Glaubensgemeinschaft an, Georg und seine Geschwister traten in den 1890er Jahren zum evangelischen Glauben über.
Georg Zuelzers jüngerer Bruder Paul Friedrich Richard studierte ebenfalls Medizin. Er spezialisierte sich für das Fach Orthopädie und trug nach dem 1. Weltkrieg entscheidend zur Entwicklung von Prothesen bei. Die ältere Schwester Luise Charlotte starb 1919 (in anderen Quellen 1925) in Berlin
Ausbildung und Wirkungsstätte
Nach dem Besuch des französischen Gymnasiums in Berlin studierte Georg Zuelzer in Freiburg und Berlin Medizin. 1893 schloss er das Studium mit der Promotion „Ueber alimentäre Glycosurie in Krankheiten und ueber puerperale Lactosurie“ ab.
In den 1890er Jahren war Zuelzer Assistent an der Universitätsklinik für Dermatologie in Breslau bei Albert Neisser, dem Entdecker des Erregers der Gonorrhoe. Aus dieser Zeit stammt die Publikation über die Jodtherapie bei Syphilis.
Von Breslau wechselte Zuelzer 1898 an die Medizinische Universitätsklinik in Zürich und später an die Medizinische Klinik der Gießener Universität zu Franz Riegel. Dieser war ein bekannter Magenspezialist und gab 1886 ein über viele Jahre als Standardwerk geltendes Lehrbuch heraus (Über die Diagnostik und Therapie von Magenkrankheiten).
Weitere Stationen seiner Ausbildung waren Lyon bei den Diabetesforschern Raphael Lépine und Leon Bouveret sowie Frankfurt bei dem Stoffwechselforscher und frühen Diabetesspezialisten Carl von Noorden.
1902 heiratete Georg Zuelzer Edith Wolff (1880 –1967). Die 1904 geborene Tochter Herta zog früh in die Schweiz und überlebte dort den Holocaust. Der jüngste Sohn Werner (geb. 1911) starb bei einer Bergtour 1933. Der 1909 geborene Sohn Wolfgang (Wolf) studierte wie sein Vater Medizin und floh 1935 in die USA. Er wurde dort ein bekannter Pädiater und Medizinhistoriker. Der Briefwechsel mit seinem Vater wurde von seiner Tochter dem Jüdischen Museum in Berlin übergeben und kann dort eingesehen werden.
Nach der Scheidung 1923 von Edith Zuelzer heiratete Georg Zuelzer 1925 Katharina Ljungdahl, geb. Stiller, die den Sohn Costa mit in die Ehe brachte.
1900 ließ Zuelzer sich in Berlin nieder. Er wurde 1908 ärztlicher Leiter der Abteilung für Innere Medizin am KH Bln Hasenheide. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Leitender Internist am KH Bln-Lankwitz. Neben der Praxis und später neben der leitenden Positione im Krankenhaus Hasenheide forschte Georg Zuelzer bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges intensiv über den Diabetes mellitus. Mit einem Extrakt aus Pankreasgewebe konnte er erstmals (1906 bis 1908) einige Patienten mit entgleistem Diabetes mellitus und Ketoazidose erfolgreich behandeln. Er gilt aufgrund dieser Beobachtungen als erster Entdecker des später von Banting und Best als Insulin bezeichneten Stoffes. Banting und Macloed erhielten 1923 dafür den Nobelpreis für Medizin. Zuelzer ließ seinen Extrakt als Acomatol patentieren. Weitere Forschungen wurden beeinträchtigt durch unerwünschte Wirkungen (wahrscheinlich durch Überdosierung) und durch fehlendes dauerhaftes Interesse der Pharmafirmen. Zuelzers Forschungen erhielten keine Unterstützung der Berliner Medizinischen Fakultät. Der Ausbruch des Weltkrieges 1914 beendete Zuelzers Arbeiten auf diesem Gebiet endgültig. Lange Zeit wurden seine bahnbrechenden Entdeckungen kaum beachtet. Erst mit den Publikationen u.a. von Mellinghoff (1972) Bloch (2023), Leiva-Hidalgo (2023) und Jörgens (2025) wird Georg Zuelzer heute als Insulin-Pionier angesehen. Banting und MacLoed würdigten in ihrer Monographie über Insulin 1923 Zuelzers Vorarbeiten bei der Entdeckung des Insulins ausdrücklich. „…there can be no doubt that Zuelzer, in 1908, came very near to isolating what we now call insulin“.
Georg Zuelzer forschte nicht nur zum Diabetes mellitus, sondern führte auch Experimente im Fachgebiet der Kardiologie durch. 1908 publizierte er über eine Tierversuchsreihe mit einem speziellen Ergotinpräparat aus Ungarn, die er in der experimentell-biologischen Abteilung des Berliner Institutes für Pathologie durchführte. In den 1920er Jahren entwickelte er aus Lebergewebe ein „Herzhormon“ Eutonon, das den Blutdruck senkte und bei Angina pectoris eingesetzt wurde. Eutonon, in den USA als Cortunon vertrieben, erfreute sich über Jahre großer Beliebtheit. Ein weiteres von ihm entwickeltes Präparat aus Milzgewebe (Perinkret) wurde bei Darmträgheit eingesetzt. Exakte Analysen der Präparate hinsichtlich ihrer Wirkstoffe lagen nicht vor.
Parallel zu seiner Forschung publizierte Georg Zuelzer 1908 ein Lehrbuch über „Die diätetisch-physikalische Therapie in der täglichen Praxis“ und 1913 das Lehrbuch „Leitfaden der praktischen Medizin“.
Um 1930 erschien im Safari Verlag in Berlin Zuelzers populär-wissenschaftliches Buch „Das gesunde und das kranke Herz“.
Während des 1. Weltkrieges diente Zuelzer als Militärarzt in verschiedenen Lazaretten in Frankreich, Russland und zuletzt im Reservelazarett Südende-Marienhöhe (nahe Berlin). Er beschäftigte sich vor allem mit Infektionskrankheiten und erkrankte selbst an Malaria und Typhus.
Der Versuch 1911 sich zu habilitieren scheiterte am Widerstand innerhalb der Berliner Medizinischen Fakultät. Nach Meinung des Gutachters Wilhelm His jr „entstammen [seine Erkenntnisse] nicht einem eigenartigen Gedankengang, sondern einer gelegentlichen Beobachtung“. Der Pharmakologe und Chemiker Arthur Heffter schreibt in seinem Gutachten: „Mit dem Urteil des Herrn His bin ich vollständig einverstanden. Ein besonderes Beispiel für die Oberflächlichkeit seiner Arbeitsmethode ist die Untersuchung über „Ergotina styptica“. Er begnügt sich damit die Wirkungen eines fabrikmässig hergestellten Arzneimittels zu studieren, ohne die Wirkungen der einzelnen Bestandteile zu analysieren“.. 1919 erhielt Zuelzer den Titel Titularprofessor. Mehrere Anträge auf eine Lehrbefugnis werden 1930 und 1931 von der Berliner Medizinischen Fakultät abgelehnt. Als Grund wird in der Stellungnahme der Internisten Gustav von Bergmann Leiter der II. Medizinischen Klinik der Charite, sowie des Pharmakologen Paul Trendelenburg Zuelzers Kritiklosigkeit und sein Widerspruch zu gesicherten Tatsachen angegeben. 1932 wird ihm ein Lehrauftrag vom Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung verliehen. Die Medizinische Fakultät widerspricht und das Ministerium entzieht Zuelzer den Lehrauftrag am 24.11.1933 wieder. Zu dieser Zeit wird im Rahmen der Gesetze zur Wiedererlangung des Berufsbeamtentums zahlreichen Mitgliedern der Fakultät die Lehrbefugnis aus rassistischen Gründen entzogen. Im Schreiben des Ministeriums ist dieser Passus (§ 3 des Gesetzes) bei Georg Zuelzer explizit aus- und durchgestrichen.
Nach 1933
Georg Zuelzer erkannte früh die Gefahren des Nationalsozialismus und floh mit seiner Ehefrau Katharina und Stiefsohn Costa in die USA. Sie erreichten mit dem Schiff SS Manhattan am 17.5. 1934 New York. Nach seiner Flucht konnte er als stellvertretender Forschungsdirektor am Israel Zion Hospital in Brooklyn tätig werden, hatte jedoch keine weitere Möglichkeit, seine Forschungen fortzusetzen. Er entschloss sich daher, eine internistische Praxis zu eröffnen, die er bis 1946 in Manhattan in der 394 West End Avenue führte.
Katharina Zuelzer stirbt 1946 an den Folgen eines Rektumkarzinoms. Georg Zuelzer verstarb am 16.10.1949 79jährig in Patchogue, New York.
Seine Grabstätte mit dem Grabstein und der Inschrift „The first physician to bring diabetes patients out of terminal coma with his extracted pancreas preparation“ befindet sich auf dem White Chapel Memorial Park Cemetery in Troy bei Detroit im US-Bundesstaat Michigan.
Richard Zuelzer, der Bruder Georg Zuelzers, floh nach Großbritannien und starb dort 1950.
Georg Zuelzers erste Ehefrau Edith Stargardt und ihr zweiter Ehemann überlebten das Ghetto Theresienstadt.
Margarete und Gertrud Zuelzer, zwei Cousinen Georg Zuelzers, waren jeweils auf ihrem Gebiet sehr bekannt. Margarete, Naturwissenschaftlerin, war im Oktober 1939 in die Niederlande geflohen und lebte seither in Amsterdam. Im Mai 1943 wurde sie von der GESTAPO im Durchgangslager Westerbork inhaftiert. Drei Monate später, am 23.8.1943, stirbt sie an den Folgen der Haftbedingungen. Gertrud, Malerin, wurde im September 1942 nach einem gescheiterten Fluchtversuch an der Grenze zur Schweiz in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Gertrud Zuelzer überlebte den Holocaust. Die Geschichte der beiden Schwestern ist im Jüdischen Museum Berlin eindrücklich dokumentiert und online einzusehen.
Danksagung
Großer Dank gebührt:
Felicitas Rink, MA, Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin für das Bild aus den Tagen des 1. Weltkrieges
Dr. Max Bloch für die Erlaubnis die Bilder aus dem Privatbesitz von Barbara Kusko zu übernehmen
Franziska Bogdanov, Archiv der Stiftung Jüdisches Museums Berlin, für die zur Verfügungstellung der Transkriptionen der Briefe Zuelzers an seinen Sohn
Beitrag von Dr. med. Cornelie Haag, Dresden und Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 1.8.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen