Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Dr. med.
Herbert Kahn
1894 - 1978

Quelle: Polizeipräsidium Karlsruhe, Generallandesarchiv Karlsruhe
Quelle: Polizeipräsidium Karlsruhe, Generallandesarchiv Karlsruhe

Mitglied seit 1926

Niederlassung in Karlsruhe

Flucht in die USA

Tätigkeit als Research Associate in Biochemistry in Chicago

Geburtsurkunde. Quelle: www.ancestry.de
Geburtsurkunde. Quelle: www.ancestry.de
Klin Wochenschr 1923; 2: 1364 - 1365
Klin Wochenschr 1923; 2: 1364 - 1365
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Kahn als Jude.
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Kahn als Jude.
Registrierungskarte. Quelle: www.familysearch.org
Registrierungskarte. Quelle: www.familysearch.org
Experimental medicine and surgery 1961
Experimental medicine and surgery 1961

Dr. med. Herbert Kahn

  • 1‌6‌.‌0‌2‌.‌1‌8‌9‌4‌, Karlsruhe
  • 1‌5‌.‌0‌4‌.‌1‌9‌7‌8‌, San Diego, Kalifornien, USA
  • Mitglied seit 1926
  • Geflohen 1939, USA
  • Karlsruhe
  • Facharzt für Innere Medizin

Herbert Kahn wird am 16.Februar in Karlsruhe als Sohn des Kaufmanns Albert Kahn und Amalie Kahn, geb. Hirschler in Karlsruhe geboren. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft.

Kahns Geburtsurkunde weist einen Vermerk des Standesbeamten vom 12. Mai 1939 auf, dass er nach der Verordnung vom 17. August 1938 als zweiten Vornamen Israel angenommen habe. Darunter findet sich als weiterer Zusatz vom 28. März 1947, dass dieser Vermerk auf Grund des Erlasses vom 15. November 1945 gestrichen wurde.

Geburtsurkunde. Quelle: www.ancestry.de
Geburtsurkunde. Quelle: www.ancestry.de

Über Herbert Kahns Jugend und Schulzeit ist wenig bekannt. Er diente als Einjähriger Freiwilliger vom 1. Oktober 1912 bis zum 1.April 1913 in einem Infanterieregiment. Im 1. Weltkrieg war er Sanitätsunteroffizier tätig, wurde am Ellbogen verletzt und in das Reservelazarett Pforzheim versetzt.  Zur Ablegung der ärztlichen Vorprüfung am 27.2.1917 erfolgte eine Beurlaubung.

Die ärztliche Approbation erhielt er 1920. Im Verzeichnis der medizinischen Dissertationen der Frankfurter Universität ist Kahn mit der Arbeit „Untersuchungen über den Phosphorsäuregehalt des Herzmuskels bei Menschen und Tieren“ 1921 vermerkt.

Med. Diss. Frankfurt. Auszug Band 1, 1921
Med. Diss. Frankfurt. Auszug Band 1, 1921

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Seine internistische Ausbildung erhielt Herbert Kahn bei Leopold Lichtwitzin der Medizinischen Klinik am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg Altona. Leopold Lichtwitz hatte seit 1916 als Ärztlicher Direktor das Krankenhaus entscheidend modernisiert und weiterentwickelt. Als Stoffwechselforscher publizierte er ein Lehrbuch der Klinischen Chemie und ein Handbuch der normalen und pathologiscshen Physiologie. Er war Mitglied des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und designierter Vorsitzender des Wiesbadener Kongresses 1933. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde er als Jude zum Rücktritt gezwungen und floh im März 1933 über die Schweiz in die USA.

Während der Zeit in Altona forschte und publizierte Kahn über den Nachweis von Albumin bei verschiedensten Erkrankungen, vor allem über die Serodiagnostik der Eiweißveränderungen bei Krebserkrankungen. Es entstanden mehrere Publikationen, die seinen Ruf als Experte im Bereich der Krebserkennung begründeten.

Klin Wochenschr 1923; 2: 1364 - 1365
Klin Wochenschr 1923; 2: 1364 - 1365

Eine weitere Arbeit befaßte sich mit der Duodenalsonde und deren Einsatz bei der Diagnostik von Gallenwegserkrankungen u.a. berichtet er über einen Fall mit Nachweis der Ausscheidung von Typhusbakterien über die Galle.

Nach seiner Niederlassung als Facharzt für Innere Medizin am 17.September 1924 in der Westendstr. 47 in Karlsruhe setzte er seine Forschungen in Zusammenarbeit mit dem chemisch-organischen Institut der Technische Hochschule in Karlsruhe  fort und publizierte gemeinsam mit Stefan Goldschmit 1929  die Arbeit „Die Fraktionierung der wasserlöslichen Eiweißkörper des Blutserums“.

Stefan Goldschmidt, Chemiker, wurde 1923 außerordentlicher Professor und Leiter der Abteilung für Organische Chemie des Chemischen Instituts der Technischen Hochschule Karlsruhe. 1933 erzwangen linientreue Karlsruher Studentenführer den Rücktritt des Juden Stefan Goldschmidt. Man erlaubte ihm als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg die Dienstgeschäfte „vorläufig wieder vorübergehend zu versehen“. Am 31. Dezember 1935 wurde er endgültig entlassen bzw. in den Ruhestand versetzt. In einem „Privatlabor“ auf dem Universitätsgelände konnte er seine Arbeit fortsetzen. Ende 1937 wurde ihm die Leitung eines Forschungslabors der Firma N.Y.Organon in Oss in den Niederlanden angeboten. Mit Erlaubnis des Badischen Finanz- und Wirtschaftsministerium nahm er die Stelle an. Er zog 1938 mit seiner Familie in die Niederlande und kehrte nach Ablauf der Gültigkeit seines Passes nicht wieder zurück. 1941 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück. Er erhielt den Ruf auf das Ordinariat des Institutes für Organische Chemie der Technischen Universität München.

Nach 1933 konnte Herbert Kahn noch eine gewissen Zeit weiter im Labor an der Technischen Hochschule Karlsruhe forschen. In einem Schreiben 1959 an das Landgericht Karlsruhe im Rahmen eines Entschädigungs-Verfahrens   schreibt sein Rechtsanwalt: „Er [Herbert Kahn] war im Vorstand der badischen Gesellschaft für Krebsbekämpfung. Die deutsche Nothilfe hatte ihm das Geld zur Verfügung gestellt, um einen Assistenten (Chemiker) in einem chemischen Institut unter seiner Leitung Untersuchungen über Krebsprobleme anzustellen. Es arbeitete für ihn zunächst Dr. Chosi Strauss, danach Dr. Littmann. Als 1933 diese Assistenten wegen ihrer rassischen Zugehörigkeit nicht mehr an der technischen Hochschule tätig sein durften, wurde trotzdem wegen der Bedeutung dieser Forschungstätigkeit dem Kläger ein Techniker zur Verfügung gestellt……. Im Jahre 1933 hat der Kläger in Madrid zwei Vorträge auf dem internationalen Kongress über Krebsbekämpfung gehalten und zwar einen über die Serum-Diagnosis und den anderen über die Ablagerung radioaktivem Wismut in bösartigen Geschwülsten……….war also ein Spezialist und für Krebsbehandlung international bekannt.“

 

Nach 1933

Neben dem Entzug der Kassenzulassung 1933 trifft es Herbert Kahns Privatpraxis ebenso hart, da der Hauptteil seiner Patienten aus Beamten bestanden hatte, die nun auch nicht mehr seine Patienten sein konnten. Nur wenige seiner Privatpatienten waren Juden und Jüdinnen gewesen. Sein Einkommen ist ab 1933 deutlich eingeschränkt und reduziert sich bis 1938 auf etwas 1/10 seines früheren Einkommens.

Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Kahn als Jude.
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Kahn als Jude.

Nach dem Entzug der Approbation am 30.9.1938 schließt er seine (Privat)praxis und begibt sich auf Reisen, um die Flucht aus Deutschland vorzubereiten.

Die Erteilung des amerikanischen Visums verzögerte sich. Zweimalig wurde Herbert Kahn von der Gestapo vorgeladen. Es drohte ihm die Verhaftung, wenn er nicht umgehend das Land verlasse. Sofort nach Erhalt des amerikanischen Visums am 3. April 1939 flieht Herbert Kahn. Um das Schiff noch zu erreichen fliegt er von Zürich nach London; die Schweiz hatte ihm auf Grund des amerikanischen Visums die Durchreise gestattet. Der ursprüngliche Plan der Flucht über Frankreich und Überfahrt von Bologne aus musste er aufgeben, da ihm ein Durchreisevisum für Frankreich fehlte. Das Geld für die Reisen musste er sich von Schweizer Verwandten und Freunde leihen, da er kein Geld ausführen durfte.  Mit der SS Washington verlässt Kahn von Southampton aus am 7. April 1939 Europa und erreicht am 15. April 1939 New York. Von dort reist weiter zu seiner Schwester nach Indianapolis. Fr(i)eda Haas, geb. 1904, war bereits im November 1938 mit ihrem Mann Alexander und Sohn Werner in die USA geflohen.

Seine Schwester war bereits im November 1938 mit ihrem Mann und Sohn in die USA geflohen. Herbert Kahn erhält ein Visum für die USA und gelangt über die Schweiz und England in die USA: er erreicht mit der SS Washington am 15. April 1939 New York und reist weiter zu seiner Schwester nach Indianapolis.

Registrierungskarte. Quelle: www.familysearch.org
Registrierungskarte. Quelle: www.familysearch.org

Kahn kann zunächst an der Universität Chicago als Research Associate in Biochemistry tätig sein, später in einer Klinik und ab 1948 in eigener Arztpraxis in Chicago. Neben der Klinik und später seiner Praxis forscht er weiter in Zusammenarbeit mit Kollegen des Instituts für Biochemie der Universität Chicago und der Abteilung Clinical Science. Er publiziert noch 1961 eine größere Arbeit über die Therapie mit radioaktivem Bismuth.  (Therapeutic use of radioactive bismuth-isotopes in malignancies). Die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt er am 9. Dezember1943.

Briefkopf. Quelle: Entschädigungsakte Generallandesarchiv Karlsruhe
Briefkopf. Quelle: Entschädigungsakte Generallandesarchiv Karlsruhe

Die 1904 in Polen geborene Debora Monheit, geschiedene Rosenberger war Ende 1936/ Anfang 1937 in die USA emigriert und wurde am 28.1.1942 amerikanische Staatsbürgerin. Am 27.11. 1942 heiraten Herbert Kahn und Debora Monheit, die Ehe blieb kinderlos.

Unterschrift. Quelle: Entschädigungsakte Generallandesarchiv Karlsruhe
Unterschrift. Quelle: Entschädigungsakte Generallandesarchiv Karlsruhe

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachten er und seine Frau in San Diego, Kalifornien. Dort starb Herbert Kahn am 15.4.1978 84-jährig. Seine Frau Debora starb am 18.11.1986.

 

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Über eine einfache Flockungs-Trübungs-Reaktion bei malignen Tumoren. Klin Wochenschr 1923; 2: 1364 - 1365
  2. Zur Duodenalsondierung. Klin Wochenschr 1923; 2: 692–694
  3. Die chemischen Veränderungen bei Krebskranken und ihre Bedeutung für die Serodiagnostik der malignen Geschwülste. Klin Wochenschr I925; 5; 222-224
  4. Mit Goldschmidt, Stefan "Die Fraktionierung der wasserlöslichen Eiweißkörper des Blutserums." Biological Chemistry, vol. 183, no. 1-2, 1929, pp. 19-31. https://doi.org/10.1515/bchm2.1929.183.1-2.19
  5. The significance of interactions between proteins and lipids for serologic cancer diagnosis. The journal of laboratory and clinical medicine 1957 50;3 358-66 From the Department of Biochemistry, University of Chicago, Chicago, Ill. USA
  6. Therapeutic use of radioactive bismuth-isotopes in malignancies. Experimental medicine and surgery 1961; 19: 9-44

Beitrag:
Dr. med. Cornelie Haag, Dresden
Dr. med. Harro Jenss, Worpswede
Stand 19.10.2025

 

 

 


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Dr. med. Herbert Kahn

Quellen:

Generallandesarchiv Karlsruhe Bestand 330 Nr 580 und 480 Nr 9624,1-3

Reichsmedizinalkalender 1937

Bundesarchiv, Reichsarztregister, BArch R 9347/2018200322

Weblinks

www.familysearch.org

www.ancestry.de