Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Imre Bach
1895 - 1966

Zeitschrift Klinische Medizin 1922. In Deutschland nannte Bach als Vornamen nicht Imre, sondern die deutsche Form Emmerich
Zeitschrift Klinische Medizin 1922. In Deutschland nannte Bach als Vornamen nicht Imre, sondern die deutsche Form Emmerich

Mitglied seit 1926

Ausbildung 3. Medizinische Klinik Budapest

Gastforscher in Berlin 1920 - 1923

Deportation
nach
Österreich

Leitender Arzt
Stadtkrankenhaus Budapest
Péterfy Sandor Strasse

Biochemische Zeitschrift 1931. Publikation gemeinsam mit seinem Bruder Dr. med. Ernö (Ernst) Bach
Biochemische Zeitschrift 1931. Publikation gemeinsam mit seinem Bruder Dr. med. Ernö (Ernst) Bach
Orvosi Hetilap (Ärztliche Wochenschrift) 1951
Orvosi Hetilap (Ärztliche Wochenschrift) 1951
Acta Physiologica (Ungarn) 1956
Acta Physiologica (Ungarn) 1956
Angaben Imre Bachs vom 28. Mai 1945. Quelle: Yad Vashem, Hall of Names, Survivors and Refugees Registration form for ’Imre Bach‘
Angaben Imre Bachs vom 28. Mai 1945. Quelle: Yad Vashem, Hall of Names, Survivors and Refugees Registration form for ’Imre Bach‘
Sterbeurkunde Dr. Imre Bach. Quelle: FamilySearch.org
Sterbeurkunde Dr. Imre Bach. Quelle: FamilySearch.org

Prof. Dr. med. Imre Bach

  • 1‌7‌.‌0‌3‌.‌1‌8‌9‌5‌, Szeged
  • 1‌8‌.‌1‌0‌.‌1‌9‌6‌6‌, Budapest
  • Mitglied seit 1926
  • Deportiert im Jahre 1944
  • Budapest
  • Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologe

Imre Bach wurde am 17. 3. 1895 in Szeged, Ungarn, geboren. Sein Vater war der Kohle- und Holzhändler Benö Jenö Bach (gestorben 1923), der als Vizepräsident die Jüdische Gemeinde Szegeds repräsentierte. Seine Mutter war die aus Szeged stammende Franciska Bach, geb. Klein (1869 – 1956). Imre Bach wuchs mit sechs Geschwistern auf, unter ihnen Ernö Bach (1904 – 1945), der später als Internist und Radiologe tätig sein wird.

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Imre Bach besuchte das Staatsgymnasium in Szeged (heute Radnoti Miklós Gymnasium) und legte dort 1913 die Reifeprüfung ab. Einer seiner Mitschüler war der Künstler, Maler und Typograph László Moholy-Nagy (1895 – 1946), der 1920 nach Berlin emigrierte, später Lehrer am Bauhaus in Weimar war, 1934 aus Deutschland floh, zunächst in England lebte und 1937 in die USA nach Chicago emigrierte. Die Familie Bach besaß mehrere frühe Werke László Moholy-Nagys.

Bach studierte an der Universität für Wissenschaft und Technologie Budapest Medizin und wurde 1918 promoviert. Er nahm für kurze Zeit am Ersten Weltkrieg teil. Zwischen März und August 1919 war Imre Bach Soldat der kurzzeitigen Ungarischen Räterepublik. Danach arbeitete er als Assistenzarzt an der 3. Medizinischen Klinik der Universität Budapest, die von dem bekannten Internisten und Physiologen Sandor von Koranyi (1866-1944) geleitet wurde. Von 1920 – 1923 hielt sich Bach als Gastforscher in Deutschland auf. Er arbeitete im chemischen Labor des Berliner Städtischen Krankenhauses Am Urban sowie in der Ersten Medizinische Klinik der Charité.

Biochemische Zeitschrift 1931. Publikation gemeinsam mit seinem Bruder Dr. med. Ernö (Ernst) Bach
Biochemische Zeitschrift 1931. Publikation gemeinsam mit seinem Bruder Dr. med. Ernö (Ernst) Bach

Zurückgekehrt nach Ungarn war Bach von 1924-1928 im Institut für Pharmazeutische Wissenschaften, an dem zeitgleich der Pharmakologe Miklós Jancsó arbeitete, und von 1928-1934 am Institut für Pathologie der Ferenc-József-Universität Szeged bei József M. Baló tätig. Hier konnte Bach seine biochemischen Untersuchungen im chemischen Labor des Institutes fortsetzen. Im Juli 1933 wurde er mit seiner Arbeit „A fermentek orvosi vonatkozasai“ [Die medizinische Bedeutung von Enzymen, Anm. H Je] habilitiert und zum Privatdozenten an der Universität Szeged ernannt. 1934 wechselte er in die Klinik für Innere Medizin und Diagnostik [Belgyógysázati Diagnosztikai Klinika, Szeged], in der er bis 1944 klinisch und lehrend als Assistenzprofessor tätig war.

 

1944 / 1945

Nach der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht am 19. März 1944 veranlasste die ungarische Regierung zwischen Mai und Juli 1944 die Deportation von 440.000 Juden. Die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet. Ende Juni 1944 wurden 15.000 Juden aus vier ungarischen Durchgangslagern, u.a. aus Szeged nicht nach Auschwitz, sondern nach Strasshof an der Nordbahn deportiert, einem Durchgangslager in der Nähe von Wien. Unter den Deportierten befanden sich meistens Juden, die in Städten und Dörfern Südungarns gelebt hatten. Imre Bach musste nach seiner Deportation nach Österreich in Obersiebenbrunn im Landkreis Gänserndorf, etwa 30 km nordöstlich von Wien, Zwangsarbeit leisten (https://collections.yadvashem.org/en/names/15118317, Angabe von Imre Bach am 28. Mai 1945). Nach der Befreiung – das Lager Strasshof wurde am 10. April 1945 durch sowjetische Soldaten befreit – konnte Imre Bach nach Ungarn gelangen. Aus der Nähe Wiens transportierte ihn seine Mutter Franciska Bach im Rollstuhl nach Györ in Ungarn (Miklos Julesz in seinem Nachruf für Imre Bach 1966).

 

Nach 1945

Angaben Imre Bachs vom 28. Mai 1945. Quelle: Yad Vashem, Hall of Names, Survivors and Refugees Registration form for ’Imre Bach‘
Angaben Imre Bachs vom 28. Mai 1945. Quelle: Yad Vashem, Hall of Names, Survivors and Refugees Registration form for ’Imre Bach‘

1945 stand Imre Bach vor einem völligen Neunanfang. Er nahm seinen Wohnsitz in Budapest und wurde 1946 Leitender Arzt der Abteilung für Endokrinologie an der Medizinischen Klinik B des Stadtkrankenhauses in der Péterfy Sandor Strasse im VII. Budapester Stadtbezirk. Das Hospital hatte eine lange Tradition. Es wurde 1848 gegründet und entwickelte sich rasch weiter. Das neue Hauptgebäude des Klinikums stammte aus dem Jahr 1933. Das Krankenhaus verfügte in den 1950er Jahren über 1 500 Betten. Hier arbeitete, forschte und lehrte Bach bis zu seinem plötzlichen Tod 1966. 1947 verlieh ihm die Universität Szeged, an der er zwischen 1924 und 1944 tätig war, eine Titularprofessur. An der Budapester Universität erhielt Bach eine ordentliche Professur.

Wissenschaftliche Schwerpunkte

Acta Physiologica (Ungarn) 1956
Acta Physiologica (Ungarn) 1956
Nature (London) 1961
Nature (London) 1961

1920 bis 1923 hielt sich Imre Bach in Berlin auf. Dort arbeitete er im Labor des bekannten Biochemikers Peter Rona am Städtischen Krankenhaus Am Urban (Rona, als Peter Rosenfeld 1871 in Budapest in einer jüdischen Familie geboren, und in Wien im Fach Medizin und Chemie promoviert, habilitierte 1920 und erhielt die Lehrbefugnis für Medizinische Chemie an der Berliner Universität. Er hatte bereits 1905 das Laboratorium am Urban-Krankenhaus gemeinsam mit Leonor Michaelis gegründet und über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht. 1922 übernahm Rona die Leitung der renommierten chemischen Abteilung des Institutes für Pathologie der Charité Berlin. 1933 von den NS-Behörden entlassen floh Rona 1939 nach Ungarn. Den Holocaust überlebte er nicht). Imre Bach beschäftigte sich in Ronas Labor in Berlin mit methodischen Fragen der Biochemie, vor allem mit der Enzymchemie und forschte insbesondere zur Kinetik und Funktion der Katalase. Die Ergebnisse seiner in Szeged fortgeführten Untersuchungen publizierte Bach 1931 in der angesehenen Biochemischen Zeitschrift. Während seiner Berliner Zeit war Bach zudem in der Ersten medizinischen Klinik der Charité bei Wilhelm His jr. tätig.

Nach 1945 standen für Bach Fragen aus dem Fachgebiet der Endokrinologie im Vordergrund, vor allem zur Funktion der Nebennierenrinde. Daneben forschte er experimentell zur Pathophysiologie der arteriellen Hypertonie, insbesondere zum Einfluss monovalenter Kationen auf die Hochdruckkrankheit. Seine Forschungsergebnisse fanden internationale Beachtung, so in einer Mitteilung in Nature 1961.

Endocrinology 1967; posthume Publikation
Endocrinology 1967; posthume Publikation

Bach publizierte etwa 70 Arbeiten, etliche in der ungarischen Ärztlichen Wochenschrift / Orvosi Hetilap, die 1857 gegründet wurde und in der zahlreiche Publikationen aus dem Fachgebiet der Gastroenterologie und Stoffwechselpathologie erschienen.

Orvosi Hetilap (Ärztliche Wochenschrift) 1951
Orvosi Hetilap (Ärztliche Wochenschrift) 1951

1964 erschien sein Lehrbuch „Praktische Endokrinologie in der Inneren Medizin und Pädiatrie“, das er gemeinsam mit dem Kinder-Diabetologen Lajos Barta verfasst hatte, der in der Ersten Kinderklinik der Universität Budapest lehrte.

Gemeinsam mit Miklós Julesz war Imre Bach Mitbegründer der Ungarischen Gesellschaft für Endokrinologie.

Imre Bach starb 71-jährig plötzlich am 18. Oktober 1966 in Budapest. Seine Grabstätte befindet sich auf dem dortigen Friedhof Farkasrét.

Sterbeurkunde Dr. Imre Bach. Quelle: FamilySearch.org
Sterbeurkunde Dr. Imre Bach. Quelle: FamilySearch.org

Imre Bachs Bruder, der 1904 geborene Internist und Radiologe Dr. Ernö Bach, der Anfang der 1920er Jahre an der Medizinischen Universitätsklinik in Leipzig tätig war, wurde als „Ungar-Jude“ am 19. Juni 1944 in das KZ Mauthausen deportiert. Er musste in dem Außenlager Gusen II unter katastrophalen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Er starb 40-jährig an den Folgen der unsäglichen Haftbedingungen am 27. 1. 1945.

Imre Bachs Schwager, der Bruder seiner ersten Ehefrau Erzsebet Bach, geb. Venetianer, der Komponist und Dirigent Sandor Vandor (geb. 28.7.1904 – er hatte seinen Geburtsnamen Venetianer in Vandor umgewandelt), wurde 1944 als Jude verhaftet. Er wurde gezwungen, in Sopronbanfalva an der österreichisch-ungarischen Grenze (deutsch Wandorf) in einem „Judenlager“ Zwangsarbeit am sogenannten Südost-Wall zu leisten. Er starb unter den Bedingungen der Haft am 14. Januar 1945.

Die Eltern Imre Bachs erster Ehefrau, Erzsebet Venetianer (geb.1898), Dr. med. Jakab Venetianer (geb. 1874) und Rózsa Venetianer, geb. Pollacsek (geb.1881), wurden Opfer des Holocaust.

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Über das katalatische Vermögen des Blutes. Zeitschrift für klinische Medizin 1922; 95: 88 - 102
  2. Untersuchungen über Katalasewirkung und Glutathiongehalt der roten Blutkörperchen bei anämischen Zustanden. Biochemische Zeitschrift 1931; 236: 174-181
  3. Adatok a diabetes keletkezéséhez akromegaliában (Daten zum Diabetes bei Akromegalie) Orvosi Hetilap 1952; 93 (Nr 20), vom 18. März 1952, 583 – 585
  4. The effect of dietary sodium-potassium relations on the experiemental renal and neurogenic hypertension in rat. Acta Physiologica Academia Scientarum (Hungary) 1956; 10: 437-443
  5. Effect of monovalent cations on the blood pressure of intact and hypertensive rats. Nature 1961; 192: 362-363
  6. Effect of rubidium on aldosterone and corticosterone production in rats. Endocrinology 1967; 81: 913-914 [posthum erschienen]
  7. Gyakorlati endocrinologia a bel gyermekgyogyazatban. [Praktische Endokrinologie in der Inneren Medizin und Pädiatrie] Budapest: Medicina 1964
Danksagung

Edit S. Lehotai, Bibliothek und Archiv der Universität Szeged gebührt sehr großer Dank für wertvolle Hinweise und Details zur Biographie Imre Bachs.

Meiner Kollegin Dr. Cornelie Haag, Dresden, danke ich für wichtige bibliographische Hinweise.

Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 12.8.2025


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Imre Bach

Quellen

SZTE Klebelsberg Könyvtár és Levéltár / Universität Szeged, Bibliothek und Archiv: zahlreiche biographische Hinweise zu Imre Bach, Publikationsliste Bachs, Zeitungsausschnitte.

Literatur

Julesz M. Megemelekezes Bach Imreröl, 1895 – 1966 [Gedenken an Imre Bach, 1895 – 1966]. Orvosi Hetilap 1966; 107 (49), 4. Dez. 1966, S. 2308

Szegedi Egyetemi Almanach 1921–1970 [Almanach der Universität Szeged 1921 – 1970], Hg. M. Ferenc, K. Toth. Szeged 1971, S.290 [Eintag Bach, Imre].

Ammon R. In memoriam Peter Rona. Arzneimittel-Forschung 1960; 10: 321-327.- Zu P. Rona: Universitätsarchiv Humboldt Universität Berlin UK R 198.

Buzás G M. Role of Orvosi Hetilap in the development of Hungarian gastroenterology. World J Gastroenterol 2010; 16: 2317-2320.

Bock J. The treatment of Hungarian Jewish health professionals in the shadow of the Holocaust. Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing 2019.

Lappin E. Die Rolle der Waffen-SS beim Zwangsarbeitseinsatz ungarischer Juden im Gau Steiermark und bei den Todesmärschen ins KZ Mauthausen (1944/45). In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, DÖW. Jahrbuch 2004, Wien 2004, S. 77–112

Elenore Lappin-Eppel E. Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/45. Arbeitseinsatz-Todesmärsche-Folgen (Austria: Forschung und Wissenschaft, 3) Wien: Lit Verlag 2010

Lappin-Eppel E: Erinnerungszeichen als Opfer des Zwangsarbeiterseinsatzes ungarischer Juden und Jüdinnen in Niederösterreich 1944/45. In: Heinz Arnberger / Claudia Kuretsidis-Haider [Hg.]: Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung. Wien: Mandelbaum Verlag 2011

Suchy I: Strasshof an der Nordbahn. Die NS-Geschichte eines Ortes und ihre Aufarbeitung. Mit einem Beitrag von Judith Eiblmayr. Wien: Metroverlag 2012

  

Weblinks

 https://radnoti-szeged.edu.hu/1913-2/ [Szegedi Radnoti Miklós Kiserleti Gimnazium; Abitur 1913; bei Imre Bachs Mitschüler Nagy, László handelt es sich um den späteren bekannten Künstler László Moholy-Nagy], Stand 1.8.2025

 https://www.nevpont.hu/palyakep/bach-imre-a516a [Darstellung der Biographie Imre Bachs, seiner Herkunft und seiner Tätigkeiten sowie seiner Publikationen in Szeged und Budapest], Stand 27.7.2025

https://www.arcanum.com/de/online-kiadvanyok/Lexikonok-magyar-eletrajzi-lexikon-7428D/b-74700/bach-imre-7471A/, Stand 27.7. 2025

https://collections.yadvashem.org/en/names/15118317 [Eintrag Imre Bach, geb. 17.3.1895, in der Opferdatenbank Yad Vashem], Stand 28.7.2025