Prof. Dr. med. Moritz Borchardt
- 06.01.1868, Berlin
- 06.01.1948, Buenos Aires
- Mitglied seit 1929
- Geflohen 1939, Argentinien
- Berlin
- Neurochirurg und Wissenschaftler
Über den Berliner Arzt Moritz Borchardt (1868-1948) und seine Vorfahren ist schon einiges geschrieben worden, aber nicht alles stimmt. Es gab nämlich in Berlin auch eine nicht-jüdische Familie mit dem Namen Borchardt, und es gab zwischen 1886 und 1938 einen weiteren, jüdischen Arzt mit dem Namen Moriz Borchardt – manchmal fälschlich Moritz Borchardt geschrieben – der ebenfalls 1868 geboren wurde, allerdings in Posen, und beide hatten zumindest einige Semester gleichzeitig in Berlin Medizin studiert.
Die Herkunft
Moritz Borchardts Urgoßvater, Moritz Jacob Salomon Borchardt (1785-1860) war im Jahr 1821 nach Berlin gekommen, hatte aber 1814 in Stettin das Bürgerrecht erworben. Ihren Ursprung hatten die Borchardts dagegen in Halberstadt im Harz, das 1648 nach dem 30-jährigen Krieg zu Brandenburg kam und das eine große jüdische Gemeinde hatte. Also nicht „seit Jahrhunderten“, sondern seit 1820, gerade einmal 50 Jahre war die Familie in der Stadt, als Moritz Borchardt am 6. Januar 1868 das Licht der Welt erblickte.
Moritz Borchardts Großvater Moses (Moritz) Borchardt (1802-1848) war Kaufmann für Schnittwaren (= Stoffe). Am 6. Mai 1834 heiratete er Rosalie (Röschen) Magnus, Tochter des Kaufmanns Joseph Israel Magnus (1768-1819) aus der Klosterstraße 42. Aus dieser Ehe entstammten drei Kinder, zwei Mädchen (Rosalie und Fanny) und Gustav Borchardt (1835-1897). Der heiratete am 20. März 1864 Emma Wolffenstein (1845-1918), die einer anderen Linie der Borchardt-Familie aus Halberstadt entstammte. Sie hatten drei Kinder, zwei Mädchen (Henriette und Malwine) und Moritz Borchardt, der einer der bekanntesten Berliner Ärzte seiner Zeit werden sollte.
Da die Vorfahren bislang weitgehend Kaufleute geworden waren, so wurde Gustav Borchardt dies ebenfalls, brachte es aber bis zum Stadtrat von Berlin. Nach dem Tod des Moses Borchardt am 10. März 1864 hatte sein Sohn Gustav Borchardt das 1829 gegründete „Borchardt´sche Weißwaaren und Seidenband-Geschäft“ in der Berliner Altstadt (Heiliggeistgasse) übernommen und es nach weiteren 15 Jahren seinem Vetter und langjährigen Mitarbeiter Isidor Mannheim übergeben. Er wohnte ab 1868 als „Rentier“ (von seinen Einnahmen lebend) in der Potsdamer Straße 52 (heute die Nr. 130). Aber er war offensichtlich zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen und begann eine politische Karriere: er kandidierte 1878 erfolgreich zunächst als Bezirksvorsteher des Bezirks Nr. 51 (Botanischer Garten). Er war einer von etwa 122 Stadtverordneten bis zum Jahr 1885, dann wurde er zum Stadtrat ernannt, einem der etwa 30 Stadträte Berlins, die für einzelne Funktionen im Magistrat zuständig waren, z.B. Bau, Finanzen, Soziales, Schulen etc. Neben den von der Stadt besoldeten Stadträten gab es acht unbesoldete Stadträte, Gustav Borchardt war einer von ihnen. Dies blieb er bis zu seinem Tode am 5. November 1897 im Alter von nur 62 Jahren.
Ausbildung und Wirkungsstätte
Schule, Studium, Medizinische Ausbildung
Moritz Borchardt ging ab 1866 zum Königlichen-Wilhelms-Gymnasium und machte dort, nach zehn Jahren an der Schule und zwei Jahren in der Prima, zu Ostern 1886 das Abitur mit dem Ziel, Medizin zu studieren. Er immatrikulierte sich zum SS 1886 in Zürich für das Fach Medizin, aber in den folgenden Semestern studierte er, ständig wechselnd, in Berlin (WS 1886), Leipzig (SS 1887, WS 1887), Heidelberg (SS 1888), wieder Berlin (WS 1888, SS 1889) und schließlich Heidelberg (WS 1889 bis SS 1891). In Leipzig legte er im Februar 1892 das medizinische Examen ab, erhielt am 6. März die Approbation und absolvierte nach eigenen Angaben am 19. Juli die Promotionsprüfung. Seine Doktorarbeit „Über die sogenannte Pseudoleukämie“ ist heute nicht mehr auffindbar, aber im Promotionsbuch der Medizinischen Fakultät Leipzig dokumentiert auch wenn sein Name aus der Liste der Studierenden gestrichen wurde.
Mit der angekündigten Ausbürgerung der Familie Borchardt im Jahr 1941 war die Aberkennung des Doktortitels von Borchardt verbunden, und die Dissertationsschrift wurde aus der Bibliothek der Universität entfernt – diese „Depromotion“ wurde erst 1998 rückgängig gemacht.
Wenn er in Berlin studierte, wohnte er im Elternhaus in der Potsdamer Str. 52. Erstmals im Adressbuch Berlins verzeichnet ist er im Jahr 1893 als Assistenzarzt am gerade erbauten Krankenhaus St. Urban in Kreuzberg, und er wohnt offenbar auf dem Krankenhausgelände.
Ausweislich seiner Personalakte die später angelegt wurde, war er dort in den Jahren 1892 bis 1894 als Assistenzarzt in der Inneren Abteilung unter Leitung von Geheimrat Prof. Dr. med. Albert Fränkel (1848-1916) und weitere zwei Jahre (1894-1896) in der Chirurgischen Abteilung bei Geheimrat Prof. Dr. Werner Körte (1853-1937). Aus dieser Zeit stammen seine ersten beiden wissenschaftlichen Publikationen, über die Wirksamkeit von Diäten bei Zuckerkrankheit einerseits und über klinische Verläufe nach Blinddarm-Operationen andererseits. Bis zu seinem Ausscheiden aus der Universität 1935 sollten es mehr als 100 Veröffentlichungen werden.
Im Jahr 1896 wechselte er an die 1. Chirurgische Klinik der Universität unter Leitung von Professor Ernst von Bergmann (1836-1907), die in der Ziegelstraße in Berlin-Mitte lag. Zunächst arbeitete er als unbezahlter „Volontär“, dann als regulärer Assistenzarzt und Privatassistent von Bergmanns; wieder wohnte er auf dem Klinikgelände. Sein Arbeitsschwerpunkt wurde zunehmend die Chirurgie mit Spezialisierung im Bereich der Chirurgie des Nervensystems (Gehirn, Rückenmark). Nach fünfjähriger Assistenzzeit beantragte er 1901 die Ernennung zum Privatdozenten mit einer Arbeit über die „Behandlung der Pankreasblutung“ – inzwischen war er 2. Assistent der Klinik. Im Jahr 1904 wurde er zum 1. Assistenten (Oberarzt) ernannt und wurde gleichzeitig stellvertretender Leiter der Poliklinik. Aus dieser Zeit stammt ein Foto, das ihn zusammen mit seinem Chef, Professor von Bergmann und dem gesamten Team der chirurgischen Klinik zeigt sowie mit einer Patientin, die operiert werden sollte.
Ein Jahr später, am 6. Juni 1905, wurde er zum beamteten, aber unbesoldeten, „außerordentlichen“ Professor ernannt. Und ein weiteres Jahr später (1906) wurde er Leitenden Direktor der Chirurgischen Klinik des neuerbauten Städtischen Krankenhauses „Rudolf Virchow“ im Wedding. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch das älteste Foto, das wir von ihm haben. Es fand sich in einer Publikation über „Jüdische Gelehrte an der Berliner Universität“ aus dem Jahr 1910 die zeigt, dass Moritz Borchardt bereits zu diesem Zeitpunkt ein klinisch und akademisch herausragender und anerkannter Mediziner war. Von 1919 an leitete Borchardt die Chirurgische Abteilung am Krankenhaus Moabit, die 1920 zur III. Chirurgischen Universitätsklinik erhoben wurde.
Familiengründung, Umzug in die Kurfürsten- und Dörnbergstraße
Offensichtlich konnte er es sich jetzt leisten, eine Familie zu gründen: Er verlobte sich am 8. Februar und heiratete am 7. April 1906 Edith Meyer, geboren am 21. November 1883. Sie war die Tochter eines Arztes aus Charlottenburg, Dr. Max Philipp Meyer (1845-1924) und dessen Ehefrau Agnes, geborene Oppenheimer (1854-1925). In den Jahren zwischen 1907 und 1919 kamen fünf Kinder zur Welt: Dietrich am 24. Februar 1907, Eva am 20. Juni 1908, Gustav am 27. November 1910, Luise am 20. März 1915 und Albrecht am 22. August 1919. Ihr Lebensweg ist in der Familiengeschichte der Borchardts durch Selva Borchardt und bei Eisenberg dokumentiert.
Bis 1905 (ausweislich des Berliner Adressbuches) wohnte Moritz Borchardt beim Arbeitgeber, dem jeweiligen Krankenhaus. Nach seiner Heirat zog die Familie in die Kurfürstenstraße, wo sie die nächsten Jahre verbrachte und wo die ersten beiden Kinder zur Welt kamen. Im Jahr 1910 erfolgte dann der Umzug in die Dörnbergstraße, eine kleine und ruhige Nebenstraße zwischen Lützowstraße und Lützowufer, die heute nicht mehr existiert.
Moritz Borchardt war kein strenggläubiger Jude, sondern zumindest in den Jahren bis 1933 ein liberaler, an Assimilation interessierter jüdischer Mitbürger, die in Berlin sicherlich zahlreicher waren als an anderen Orten. Zwei ihrer Kinder, Eva und Albert, ließen die Eltern protestantisch taufen. Dies könnte sich mit der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten nach 1933 geändert haben. In einem „Gutachten“ aus dem Jahr 1935 attestierte ihm der damalige Sprecher der Dozentenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Professor Dr. Otto Stahl, Direktor der Chirurgischen Abteilung des Auguste-Viktoria-Krankenhauses Schöneberg und überzeugter Nationalsozialist: Borchardt sei „ein rassebewusster Jude, der hier in Berlin gegen die arische Bewegung im deutsch-österreichischen Alpenverein aufgetreten ist … Wenn er selbstverständlich auch niemals Nationalsozialist sein kann, so bin ich doch der Anschauung, nach sehr genauer Kenntnis seiner Persönlichkeit, dass er niemals gegen den Staat in Wort und Schrift oder Tat auch nur andeutungsweise angehen wird„. Aber da war die Flucht der Borchardts längst beschlossene Sache.
Eine außergewöhnliche medizinische Karriere
In den mehr als zwanzig Jahren zwischen seiner Ernennung als Direktor der Chirurgischen Klinik des Klinikums „Rudolf Virchow“ im Jahr 1906 und seiner erzwungenen Auswanderung nach Südamerika 1939 legte Moritz Borchardt eine wohl einzigartige medizinische Karriere hin, die nicht nur national, sondern international ihresgleichen sucht.
Dazu gehörten weltweit zur Kenntnis genommene Operationen politischer Persönlichkeiten wie die Entfernung einer Kugel aus der Halsmuskulatur bei Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) nach einem Attentat im Jahr 1922, die Operation eines durchgebrochenen Blinddarms beim ehemaligen Reichstagspräsident Paul Löbe (1875-1957) im Jahr 1927, die Behandlung des ehemaligen Reichskanzlers Hermann Müller (1876-1931) 1929 ebenso wie Operationen am menschlichen Hirnstamm, die Chirurgen bis dahin für nicht-operierbar hielten; und er erfand neue technische Hilfsmittel für solche Hirnoperationen, z.B. die sogenannte Borchardt´sche Pflug-Fräse. Das Spektrum seiner wissenschaftlichen Interessen ging jedoch weit über die Chirurgie und Neurochirurgie hinaus: In der Datenbank der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaft, der Vorgänger-Institution der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den Jahren von 1920 bis 1934, fanden sich zwei bewilligte Forschungsanträge, die er zunächst allein (1930/31) und dann gemeinsam mit dem Moabiter Pathologen Prof. Rudolph Jaffé (1885-1975) zum Thema „Untersuchungen über das Vorkommen der sogenannten Vorstadien des Brustkrebses in der Brustdrüse“ gestellt hatte.
In seiner Klinik galt er als strenger, um nicht zu sagen diktatorischer Chef, auch wenn seine Kollegen und früheren Mitarbeiter seine Kollegialität und Kompetenz schätzten Die über ihn kolportierten Geschichten sind legendär: Seine Assistent:innen verabschiedeten ihn ins Wochenende, am Samstagmitttag am Klinikeingang in Reih und Glied stehend, und Männer und Frauen mussten unverheiratet sein und es bleiben (!), wenn sie bei ihm ausgebildet werden wollten. Aber er galt auch als fürsorglicher Arzt für seine Patient:innen.
Nach 1933
Flucht und Vertreibung
Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden den fast 70% jüdischen Ärzten am Moabiter Krankenhaus die Berufstätigkeit untersagt und ihr Aufenthalt im Krankenhaus unterbunden. Die Ereignisse am Krankenhaus Moabit in den Tagen und Wochen vor und nach dem Reichstagsbrand in der der Nach vom 27. auf den 28. Februar 1933 sind in einem Buch eindrucksvoll beschrieben.
Anders als bei vielen seiner jüdischen oder sozialdemokratischen Kollegen ging Borchardts „Entlassung“ geradezu zivilisiert vor sich, was an seinem Alter lag: er war mit 65 Jahren an der Altersgrenze, man brauchte „nur“ seinen Vertrag nicht zu verlängern bzw. die zugesagte Verlängerung über die Altersgrenze hinaus zu widerrufen. Moritz Borchardt konnte die Klinikleitung nur bis zum Frühjahr 1933 ausüben: Ende März 1933 hatte der Staatskommissar für das Gesundheitswesen, eine von den Nationalsozialisten geschaffene Institution in den Innenministerien der Länder, „die Bitte ausgesprochen, dass ich mein Amt als Direktor der chirurgischen Abteilung des Krankenhauses Moabit niederlegen möge“ – dem kam er mit Schreiben an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sowie an den Dekan der Medizinischen Fakultät nach.
Im April 1933 bat er den Dekan um Entbindung von seinen Anwesenheitspflichten in der Fakultät. Im Mai 1933 wurde er auch von seinem Lehrauftrag entbunden, im Juli wurde ihm auf Antrag für das Wintersemester 1933/4 Urlaub erteilt. Im gleichen Monat bat er den Dekan der medizinischen Fakultät, sich für die in Schutzhaft genommene „große Anzahl jüdischer Ärzte (jedenfalls über 30)“ bei den maßgebenden Stellen zu verwenden.
Nach seiner Entlassung arbeitete er an der Privatklinik von Ernst Unger (1875-1938) in der Derfflingerstraße 21 bis diese Klinik geschlossen wurde. Unger musste 1938 verkaufen, Käufer war die NSDAP, die hier die Geschäftsstelle der NS-Frauenschaft einrichtete. Danach war Moritz Borchardt für einige Zeit in der Privatklinik von Dr. Alfred Horwitz in der Nassauischen Straße 51/52 in Berlin-Wilmersdorf tätig, wobei sein Name nicht mehr in Erscheinung trat; auch Ernst Unger hatte hier nach der Entlassung weiter praktiziert. Alfred Horwitz war jüdischer Arzt und ehemaliger Assistent des Chirurgen und Geheimrates Prof. Richard Bier (1865-1943). Richard Bier war nach seiner Niederlassung bis Mitte der 20er Jahre Belegarzt in der Unger-Klinik, bevor er 1939 nach Shanghai emigrierte. Alfred Horwitz, dem 1938 die Approbation entzogen wurde, emigrierte 1939 in die USA.
Bereits 1934 nahm die Familie Kontakt mit Auswanderungsinstitutionen (dem britischen Academic Assistance Council, der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland) auf. Sein ältester Sohn Dietrich lebte seit 1928 im Ausland, zunächst in New York, später in Buenos Aires, Argentinien.
Im März/April 1939 reisten Moritz Borchardt und seine Frau Edith, nur mit Handgepäck, mit dem Schiff über London nach Buenos Aires nachdem sie zuvor eine „Reichsfluchtsteuer“ von 153.883 Reichsmark und eine „Judensondervermögensabgabe“ von 120.750 Reichsmark gezahlt hatten, letzteres die zynische, sogenannte „Sühnezahlung“ für die von den Nationalsozialisten verursachten Schäden in der Pogromnacht vom 9. November 1938. Der Hausrat, der per Schiffstransport folgen sollte (16 Kisten), kam nie in Argentinien an, sondern wurde konfisziert und versteigert für 21.000 Reichsmark, bei einem Schätzwert von 45.000 RM. Seine Söhne Gustav und Albrecht folgten ihnen 1940 von Holland nach Argentinien, seine beiden Töchter Eva und Luise heirateten Anfang der 30er Jahre und überlebten in Deutschland bzw. in England.
Eine Berufstätigkeit in Argentinien war Moritz Borchardt untersagt, und er erlitt ab 1942 mehrere Schlaganfälle, die schließlich zu seinem Tod am Tage seines 80. Geburtstag führten. Seine Frau Edith starb in den 70er Jahre in Buenos Aires.
Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck, Dipl.- Psych., Berlin. Stand 14.7.2026
Quellen und Literatur
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