Dr. med. Pauline Ina Finkelstein
- 22.10.1893, Berlin
- 23.07.1943, Sobibor
- Deportiert im Jahre 1943
- Berlin
- Fachärztin für Magen,-Darm- und Stoffwechselkrankheiten
Herkunft, Ausbildung, Wirkungsstätte
„Ich, Ina Finkelstein [nach der Geburtsurkunde Pauline Ina Finkelstein, Anm. H Je], bin geboren zu Berlin am 22. Oktober 1893 als Tochter des Zahnarztes Siegfried Finkelstein und seiner Ehefrau Elfriede, geb. Rahmer. Ich besuchte die Höhere Töchterschule zu Kattowitz, O.-S. [Oberschlesien, Anm. H Je], bis Oktober 1908, sodann von Oktober 1909 bis Februar 1914 die Städtische Studienanstalt zu Berlin, wo ich am 19. Februar 1914 die Reifeprüfung bestand.
Ich studierte von April 1914 an in Berlin Medizin, bestand Juli 1916 die ärztliche Vorprüfung und am 1. Juli 1919 die ärztliche Prüfung. Während meiner klinischen Semester famulierte ich an der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Charité, wo ich auch mein praktisches Jahr absolvierte“, so Ina Finkelstein im Lebenslauf in ihrer Dissertationsschrift..
Die Familie Finkelstein bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft. Der Großvater mütterlicherseits, Dr. Moritz Rahmer, war ein angesehener Rabbiner, Gelehrter und Schriftsteller, der seit 1867 über 37 Jahre bis zu seinem Tod 1904 in Magdeburg tätig war. Ina Finkelsteins Eltern hatten im Januar 1893 in Magdeburg geheiratet und lebten zunächst in Berlin, bevor sie 1901 in das frühere Oberschlesien übersiedelten. Die Mutter, Elfriede Finkelstein, kehrte 1908 mit den beiden Töchtern Ina und Betty nach Berlin zurück. Die 1895 geborene Schwester Betty Finkelstein wird später ebenfalls in Berlin Medizin studieren und als niedergelassene Ärztin tätig sein. Die Berliner Städtische Studienanstalt, die Ina Finkelstein besuchte, wurde 1906 als höhere Mädchenschule in Kreuzberg eröffnet und verfügte über einen realgymnasialen Zweig für Mädchen. Aus ihr ist das heutige Berliner Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium entstanden.
Im Juli 1920 wurde Ina Finkelstein mit der Arbeit „Ueber die Beeinflussung der Blutzuckerwerte nach Bang durch äußere Verhältnisse“ promoviert. Friedrich Kraus, Ärztlicher Direktor der II. Medizinischen Universitätsklinik an der Berliner Charité , regte die experimentelle Arbeit an und verfasste das Referat über die Untersuchung. Finkelstein befasste sich in ihrer Arbeit mit der damals gänzlich neuen Methode zur Glukosebestimmung aus einer geringen Blutmenge z. B. aus der Fingerbeere oder dem Ohrläppchen im Mikroliter-bereich, die von dem norwegischen, an der Universität Lund lehrenden Biochemiker Ivar Christian Bang entwickelt wurde. Im gleichen Jahr 1920 erhielt Finkelstein die Approbation als Ärztin. Im November 1922 wurde sie Mitglied der Berliner Medizinischen Gesellschaft.
Ausweislich des Berliner Adressbuches 1923 war Ina Finkelstein seit dieser Zeit als praktische Ärztin in der Ansbacher Strasse 26 tätig. Hier führte sie ihre Praxis bis zum Jahre 1931. Parallel arbeitete sei als Assistenzärztin bei Dr. Arnold Freudenthal (1861-1938), seit 1909 Spezialarzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten.
Er gehörte zum weiteren Kreis der frühen jüdischen Gastroenterologen in Berlin. Freudenthal leitete neben seiner Praxis ein Ambulatorium in der Berliner Königstrasse 51 (heute Rathausstrasse) mit gastroenterologischem Schwerpunkt. Er wurde als Hausarzt des Präsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert bekannt. Die Weiterbildung bei Arnold Freudenthal qualifizierte Ina Finkelstein zur Fachärztin für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten. Der eigenständige Titel für das neue Fachgebiet wurde 1924 neben dem Facharzt / der Fachärztin für Innere Krankheiten während des 43. Deutschen Ärztetages in Bremen (Leitsätze zur Facharztfrage) eingeführt.
1933 – 1943
1931 richtete Ina Finkelstein eine eigene neue Praxis in der Wilmersdorfer Strasse 54 in Berlin ein. Mit Beginn der NS-Diktatur 1933 erlebte sie die Demütigungen und die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung und den Boykott der Arztpraxen am 1. April 1933 durch die Nationalsozialisten. Mit dem 6. 10. 1933 wurde ihr die Kassenzulassung entzogen. Sie war damit zu einer alleinigen Privatpraxis gezwungen. Ina Finkelsteins Schwester Betty, die in Berlin-Lichtenberg in der Frankfurter Allee 98 als Fachärztin für Innere Krankheiten eine eigene Kassenarzt- und Privatpraxis führte, entschloss sich im Sommer 1934 zur Flucht aus Deutschland.
Ihr wurde aus rassistischen Gründen 1933 ebenso wie ihrer Schwester die Kassenzulassung entzogen. Sie gelangte über die Niederlande und Großbritannien im August 1934 in die USA und lebte seither in New York. Aus welchen Gründen Ina Finkelstein zu diesem Zeitpunkt nicht gleichfalls Deutschland verließ, ist bisher nicht dokumentiert.
Nach Angaben im Entschädigungsverfahren, das Betty Finkelstein für ihre Schwester in den 1960er Jahren anstrengte, verfügte Ina Finkelstein in ihrer Praxis in der Wilmersdorfer Strasse über „einen Polarisationsapparat, ein Zeitz-Mikroskop, ein Rectoskop, ein Gastroskop, Magensonden und einen Oesophagusdilatator“. Im Reicharztregister wird sie als Fachärztin für Magen- und Darmkrankheiten geführt. 1934 musste sie ihre Praxis in die Nürnberger Strasse 22 verlegen. 1936 wechselte sie ihren Praxisstandort erneut. Der Reichsmedizinalkalender 1937 nennt Ina Finkelstein als „Fachärztin für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten“ nun in der Berliner Rankestrasse 28 mit dem Magensymbol nach ihrem Namen und stigmatisiert sie mit einem Doppelpunkt vor ihrem Namen als Jüdin.
Mit dem 30. September 1938 verlor Finkelstein nach Anordnung der NS-Behörden die ärztliche Approbation. Im November 1938 erlebte sie die Pogromnacht in Berlin. Seit Januar 1939 sie musste sie nach der NS-Gesetzgebung den zusätzlichen Vornamen „Sara“ führen.
Flucht aus Deutschland auf der St. Louis
Am 13. Mai 1939 gehörte die allein lebende Ina Finkelstein zu 937 jüdischen Passagieren, die mit der MS „St. Louis“ der HAPAG von Hamburg aus über Kuba in die USA fliehen wollten. Dem Schiff wurde in Kuba und in den USA die Landung untersagt. Der Kapitän wurde genötigt, nach Europa zurückzukehren. Das Schiff erreichte Antwerpen am 17. Juni 1939. Finkelstein gehörte zur Gruppe der Geflüchteten, denen als Zufluchtsland die Niederlande zugewiesen wurde. Von Antwerpen wurde sie am Tag darauf nach Rotterdam in die abgeriegelte Quarantänestation Heilplaat transportiert. Am 15. Juli 1939 erfolgte ihre Verlegung nach Amsterdam in das „Kamp Lloyds Hotel“, das als Unterkunft für Geflüchtete diente.
Amsterdam
Im August 1939 wurde Ina Finkelstein wegen einer Erkrankung aus der Unterbringung entlassen. Sie fand eine eigene Unterkunft in der Amsterdamer Dintelstraat 106. Ihre Wohnung wird sie in der Folgezeit wiederholt wechseln müssen. Seit Januar 1940 war sie in der ärztlichen Versorgung der jüdischen Geflüchteten in Amsterdam tätig. Im Mai 1940 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Niederlande. Im Februar 1941 wurde der „Amsterdamer Judenrat“ eingerichtet, der nach den Vorgaben der GESTAPO handeln musste. Seither war Ina Finkelstein im „Allgemeinen Dienst“ des Judenrates in der ärztlichen Betreuung der nicht-niederländischen Jüdinnen und Juden eingesetzt. Für ihre Tätigkeit erwarb sie das niederländische EHBO-Diplom für die erste Hilfe bei Unfällen. Sie erhielt eine besondere Ausnahmegenehmigung des Judenrates für die ärztliche Hausversorgung der Geflüchteten und war dadurch vor einer Inhaftierung zunächst geschützt.
Deportation
Trotz ihrer ärztlichen Tätigkeit für dem Amsterdamer Judenrat ließen die NS-Behörden Dr. Ina Finkelstein am 21.6. 1943 im Durchgangslager Westerbork inhaftieren. Am 20. Juli 1943 wurde sie in das Vernichtungslager Sobibor in Südostpolen deportiert und 49-jährig nach der Ankunft am 23. Juli 1943 ermordet.
Danksagung
Ich danke Raymund Schütz, Den Haag, für seine Hinweise zu Ina Finkelsteins Aufenthalt in Amsterdam sowie Alan Moss, Nationaal Archief, Den Haag, für weitere Informationen und Dokumente. Mein besonderer Dank gilt posthum Harry B. van der Linden (gest. 2015), Bibliothekar an der Vrije Universiteit Amsterdam, für seine früheren Recherchen zu Ina Finkelsteins Leben in Amsterdam. Friederike Kendel, Charite Berlin, danke ich für den motivierenden Gedankenaustausch.
Beitrag: Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 23.12.2025
Quellen und Literatur
zu den Quellen