Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Dr. med.
Richard Leipziger
1874 - 1953

Dr. med. Richard Leipziger, copyright Max Guggenheim
Dr. med. Richard Leipziger, copyright Max Guggenheim

Studium in Breslau

Ausbildung in Wiesbaden bei Wilhelm Weintraud

Niederlassung in Bremen

Zuflucht im Refuge Protestant de Castres

Dissertation Titelblatt. Kopie Arch H Je
Dissertation Titelblatt. Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1929, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1929, Kopie Arch H Je
Veröffentlichung Amt für Volksgesundheit, Bremen 1935, Quelle: Staatsarchiv Bremen
Veröffentlichung Amt für Volksgesundheit, Bremen 1935, Quelle: Staatsarchiv Bremen
Reichsmedizinalkalener 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert Dr. Leipziger als Juden, das Magensymbol weist ihn als Facharzt für Gastroenterologie aus, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalener 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert Dr. Leipziger als Juden, das Magensymbol weist ihn als Facharzt für Gastroenterologie aus, Kopie Arch H Je
Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft, Deutscher Reichsanzeiger Mai 1939, Kopie Arch H Je
Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft, Deutscher Reichsanzeiger Mai 1939, Kopie Arch H Je

Dr. med. Richard Leipziger

  • 1‌7‌.‌0‌8‌.‌1‌8‌7‌4‌, Breslau, heute Wroclaw
  • 1‌0‌.‌0‌4‌.‌1‌9‌5‌3‌, Plombières-les-Dijon
  • Geflohen 1937, Frankreich
  • Bremen

Richard Leipziger wurde am 17. August 1874 als Sohn des Kaufmanns Louis Leipziger und dessen Ehefrau Fanny, geb. Diamant in Breslau, heute Wroclaw, Polen, geboren. Die Mutter Fanny Leipziger stammte aus Posen, heute Poznan, Polen. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft. Leipziger wuchs mit den jüngeren Brüdern Eugen (1876-1890) und Alfred (1879-1943) auf.

Richard Leipziger besuchte das Königliche Friedrichs-Gymnasium zu Breslau, das er am 21. September 1893 mit dem Abitur verließ. Das Medizinstudium absolvierte er ausschließlich an der Breslauer Universität. Er schloss das Studium im Juli 1898 mit dem medizinischen Staatsexamen ab.

Dissertation Titelblatt. Kopie Arch H Je
Dissertation Titelblatt. Kopie Arch H Je

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Nach seiner Promotion „Ueber Stoffwechselversuche mit Edestin“, ebenfalls im Juli 1898, war Leipziger vom August bis November des gleichen Jahres Volontärarzt an der Abteilung für Chirurgie am Allerheiligen-Hospital in Breslau. Zum 1. Januar 1899 wechselte er als Privatassistent zu Wilhelm Weintraud an das Städtische Krankenhaus in Wiesbaden. Weintraud war seit 1896 an der Breslauer Medizinischen Universitätsklinik tätig, war ein ausgewiesener früher Stoffwechselforscher und Diabetologe, gehörte zu Leipzigers Lehrern und wurde 1898 zum Leitenden Arzt der Abteilung für Innere Medizin am Wiesbadener Städtischen Krankenhaus ernannt. Hier erhielt Leipziger seine Weiterbildung zum Spezialarzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankhei­ten.

Reichsmedizinalkalender 1904, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1904, Kopie Arch H Je

Im Frühsommer 1903 ließ sich Richard Leipziger in Bremen als sehr früher Spezialist für das noch junge Fachgebiet der Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten nieder. In Bremen war er überhaupt erst der zweite Spezialarzt, der das neue Fach vertrat. Im Reichsmedizinalkalender von 1904 ist Leipziger erstmals als Spezialarzt, gekennzeichnet mit dem Magensymbol, in Bremen dokumentiert. 1903 trat Richard Leipziger zum evangelischen Glauben über. In Bremen wird er 35 Jahre bis zu seiner Flucht aus Deutschland als Facharzt für Gastroenterologie tätig sein. Die Praxis, die sich initial in der Ostertorstrasse befand und die Leipziger später zum Domshof 11 verlegte, entwickelte sich rasch sehr erfolgreich, auch aufgrund der damals noch seltenen Spezialisierung.

Vom April  1910 bis 1929 führte Leipziger in Bremen Am Dobben 119 in einem dreistöckigen Haus neben seiner Praxis eine Privatklinik. 1929 gab er die Privatklinik auf. Seine Praxis befand sich seither an der Contrescarpe 169.

Reichsmedizinalkalender 1929, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1929, Kopie Arch H Je

Diese Praxisadresse blieb bis 1937 bestehen. Die Wohnung befand sich in Kattenesch.

1908 hatte Richard Leipziger Anna Sonntag, die Tochter eines evangelischen Bremer Pastors, geheiratet. 1911 wird der Sohn Waldemar Ludwig geboren, 1913 kommt die Tochter Susanne auf die Welt.

Richard Leipziger engagierte sich gesundheitspolitisch und war Mitglied im Verein der sozialistischen Ärzte (V.S.Ä.), der 1918 gegründet wurde und aus dem Sozialdemokratischen Ärzteverein hervorging. 1925 publizierte Leipziger im Vereinsorgan „Der sozialistische Arzt“ einen Beitrag „Die Bedeutung unseres ‚Mitteilungsblattes’“. Er war auch Mitglied im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, dem „Bund republikanischer Kriegsteilnehmer“, wo er eine Sanitätsbteilung ausbildete.

 

Nach 1933

Seit dem Frühjahr 1933 erlebte Richard Leipziger mit seiner Familie die Demütigungen und Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung in Deutschland.

Veröffentlichung Amt für Volksgesundheit, Bremen 1935, Quelle: Staatsarchiv Bremen
Veröffentlichung Amt für Volksgesundheit, Bremen 1935, Quelle: Staatsarchiv Bremen

Die Zahl der Zuweisungen der Patienten durch „arische“ Kolleginnen und Kollegen ging zurück. Als Facharzt war Leipziger auf die Überweisung der Patienten angewiesen. Die Kassenzulassung konnte er als sogenannter Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg („Frontkämpferprivileg“) zunächst behalten. Bis 1937 praktizierte Richard Leipziger am Contrescarpe 169. Im Reichsmedizinalkalender 1937 wird er mit einem Doppelpunkt vor seinem Namen als Jude stigmatisiert. Die letzte Wohnadresse in Bremen lautete Doventorsteinweg 54.

Reichsmedizinalkalener 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert Dr. Leipziger als Juden, das Magensymbol weist ihn als Facharzt für Gastroenterologie aus, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalener 1937. Der Doppelpunkt stigmatisiert Dr. Leipziger als Juden, das Magensymbol weist ihn als Facharzt für Gastroenterologie aus, Kopie Arch H Je

Richard und Anna Leipziger flohen im Dezember 1937 aus Deutschland. Sie gelangten zu ihrem Sohn nach Las Palmas auf den Kanarischen Inseln. Ende 1938 waren sie gezwungen, spanisches Territorium zu verlassen. Sie erhielten ein Visum zur Einreise nach Frankreich und übersiedelten in die Hafenstadt Hyères im Départment Var etwa 20 km östlich Toulons gelegen. Im Mai 1939 wurde dem Ehepaar die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.

Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft, Deutscher Reichsanzeiger Mai 1939, Kopie Arch H Je
Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft, Deutscher Reichsanzeiger Mai 1939, Kopie Arch H Je

Im November 1939 starb Richard Leipzigers Ehefrau Anna 68-jährig in Hyères.

Richard Leipziger konnte sich in den folgenden vier Jahren in Hyères aufhalten. Als die Verfolgungen der Juden in Südfrankreich einsetzten, fand er Zuflucht vom 9. Sept. 1943 bis zum 1. Juni 1945 im Refuge Protestant de Castres, Département Tarn. Die Stadt Castres liegt etwa 70 km östlich von Toulouse am Fluss Agout. Im dortigen Altersheim überlebte er den Holocaust. Danach lebte er in Plombières-lès-Dijon in einem Seniorenheim.

Richard Leipziger starb 78-jährig am 10. 4. 1953. Seine Grabstelle ist nicht bekannt.

Richard und Anna Leipzigers Kinder, die Tochter Susanne und der Sohn Waldemar Ludwig Leipziger (später Lepert), verließen Deutschland 1933, da sie die Folgen der NS-Diktatur frühzeitig erlebten. Susanne Leipziger heiratete im April 1935 in Paris den aus Konstanz stammenden und in einer jüdischen Familie geborenen Hans Guggenheim (1904-1972). Mit ihrem Ehemann, der bei Kriegsbeginn in die französische Fremdenlegion eingetreten war, hielt sie sich vorübergehend in Casablanca / Marokko auf. Das Ehepaar überlebte den Holocaust. Susanne Guggenheim starb 1972 in Paris. Der Sohn von Richard und Anna Leipziger, Waldemar Lepert, gelangte über Stockholm und Paris zunächst nach Las Palmas. Nach der Ausweisung aus Spanien lebte er in Frankreich. Dort wurde er später in dem berüchtigten Lager Gurs in Südfrankreich inhaftiert. Aus dem Lager konnte er fliehen und  überlebte den Holocaust. Er starb im August 1999 in Frankreich.

Richard Leipzigers Bruder Alfred Leipziger war mit seiner Familie 1933 in die Niederlande geflohen. Das Ehepaar wurde im Januar 1943 in Amsterdam von der Gestapo verhaftet, im KZ Herzogenbusch/Vught inhaftiert und über das Lager Westerbork nach Auschwitz deportiert. Alfred Leipziger und seine Ehefrau Katharina Leipziger-Sachs wurden dort nach der Ankunft am 5. Februar 1943 ermordet. Ihr Sohn, Kurt Leipziger, wurde ebenfalls im Januar 1943 im Konzentrationslager Herzogenbusch/Vught inhaftiert und später in das Lager Westerbork verbracht. Am 7. Mai 1943 wurde er im Vernichtungslager Sobibor 35-jährig ermordet. Der zweite, 1910 geborene Sohn des Ehepaares, Walter Leipziger (Leipzig), konnte im August 1937 von Southamptom aus in die USA fliehen. Er lebte fortan in New York im Stadtteil Queens und starb 2003.

Richard Leipzigers Mutter Fanny Leipziger, geb. Diamant, war aus Breslau ihrem Sohn Alfred in die Niederlande gefolgt. Sie starb im September 1940 89-jährig in Gouda und ist auf dem dortigen jüdischen Friedhof bestattet.

Danksagung

Dem Enkelsohn Richard und Anna Leipzigers, Max Guggenheim, bin ich zutiefst für die Gespräche und für seine wertvollen Hinweise dankbar.

Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. – Stand: 20. 12. 2025


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Dr. med. Richard Leipziger

Quellen

Staatsarchiv Bremen/ StAB Sign. 4,54 – E 10827 [Entschädigungsakte Dr. med. Richard Leipziger, geb. 17.8.1874 in Breslau. Antrag Susanne Guggenheim, Paris 1957]

Staatsarchiv Bremen / StAB Sign. 4.54 – E 10826 [Entschädigungsakte Susanne Guggenheim, geb. Leipziger, geb. 4.2.1913 in Bremen]

Literatur

Leipziger R. Ueber Stoffwechselversuche mit Edestin. Med. Diss. Universität Breslau 1899. Bayerische Staatsbibliothek München / BSB, Sign. Diss. med. 336-65, darin Lebenslauf S. 23f.

Leipziger R. Die Bedeutung unseres „Mitteilungsblattes“. Der sozialistische Arzt 1925; 1 (Nr. 2 / 3): S. 26 – 27

Niermann Ch., Leibfried St. Die Verfolgung jüdischer und sozialistischer Ärzte in Bremen in der NS-Zeit. Bremen: Bremer Verlagsgesellschaft 1988, S. 9, 10, 15, 34 u. 68

Koch D. Dr. Richard Leipziger und seine Familie, in: Lebensgeschichten: Schicksale Bremer Christen jüdischer Abstammung nach 1933. Herausgegeben von einem Arbeitskreis, Redaktion K. Behrens-Talla, H-A Allers. Hospitum Ecclesiae Band 23. Bremen: H.M.Hauschild Verlag 2006S. 121-127

Adressbuch Bremen 1794 – 1980. https://brema.suub.uni-bremen.de/periodical/titleinfo/998043

Weblinks

https://www.geni.com/people/Richard-Leipziger/6000000024808970176 [Eintrag zu Dr. Richard Leipziger und seiner Familie], Stand 1. 9. 2025

https://www.joodsmonument.nl/nl/page/123477/alfred-julius-leipziger, Stand 6. 11. 2025

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/130330416?s=Alfred%20Leipziger&t=2574986&p=0 [Alfred Leipziger, geb. 6.6.1879 in Breslau, Deportation aus den Niederlanden 2.2.1943], Stand 6. 11. 2025

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Alfred%20Leipziger%22%7D [Melde-Karteikarte für Alfred Julius und Katharina Leipziger in Amsterdam bis zum Januar 1943], Stand 6. 11. 2025

https://collections.yadvashem.org/de/names/4264748 [Eintrag für Alfred Julius Leipziger, geb. 6. 6. 1879], Stand 8. 11. 2025

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/5150751?s=%20Kurt%20Leipziger&t=224158&p=0 [Kurt Leipziger, geb. 11.7.1907, Inhaftierungsliste Westerbork], Stand 22. 9. 2025

https://www.joodsmonument.nl/nl/page/225988/fanny-leipziger-diamant [Eintrag Fanny Leipziger, geb. Diamant 1851 – 1940], Stand 8.11.2025

www.ancestry.de und www.familysearch.org [Einträge Walter Leipziger, in den USA Walter Leipzig, geb. 9.5.1910 in Breslau], Stand 15. 10. 2025