Prof. Dr. med. Roman Albertovich Luria
- 16.05.1874, Brest Litovsk, Weißrussland, heute Belarus
- 22.10.1944, Moskau
- Mitglied seit 1929
- Kasan
- Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten
Roman Albertovich Luria wurde am 16.5.1874 in einer jüdischen Familie in Brest-Litovks (Weißrussland, heute Belarus) geboren. Er war das jüngste Kind des Lehrers Albert Luria (1840 bis 1886) und seiner Frau Etta Lewinson (1845 bis 1885). Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er in Nowgorod-Seversky (heute Ukraine) bei der Familie seiner Schwester auf. Sein Bruder Leon (1864-1923), ebenfalls Arzt, wanderte 1891 in die USA aus wie auch sein Bruder Greogory (1868-1933). Ein weiterer Bruder – Matvey, geb. 1869 – war Zahnarzt.
Luria war verheiratet mit Jewgenija Viktorowna Luria (geb. Chaskina, 1875–1951), die als Zahnärztin arbeitete. Der Sohn Alexander Romanovich Luria (16.7.1902 – 14.8.1977) war ein international sehr bekannter sowjetischer Neuropsychologe. Die Tocher Lydia Romanovna Luria, 1908 geboren, machte sich einen Namen als Psychiaterin.
Ausbildung und Wirkungsstätte
Seit 1892 studierte Roman Luria an der Medizinischen Fakultät der Kaiserlichen Universität Kasan. Er war einer jener 5% jüdischer Studenten, die zu diesem Zeitpunkt an der Universität Kasan studieren durften. Nach dem Examen war es ihm als Jude nicht erlaubt, eine Universitätskarriere einzuschlagen. Er praktizierte daher für einige Zeit auf dem Land in der Nähe von Kasan, später in Kasan selbst in einer Privatpraxis. Von 1897 bis 1899 arbeitete er als Verwaltungsarzt in der Provinz Simbirsk, südlich von Kasan.
Seit 1899 konnte er im Provinz-Zemstvo-Krankenhaus in Kasan tätig sein und damit gleichzeitig auch im physiologischen Labor der Universität Kasan. Unter diesen Bedingungen war ihm eine Promotion möglich. Seine Dissertation „Über die Rolle der sensorischen Nerven des Zwerchfells bei der Innervation der Atmung“ schloss er 1902 ab. In diesen Jahren spezialisierte er sich für das Gebeit der Magen-Darm-Krankheiten. Zur Weiterbildung verbrachte Roman Luria einige Sommer in Deutschland, dessen soziale, politischen und wissenschaftlichen Ideen für ihn und seine Familie wichtig waren. In der Familie wurde deutsch als zweite Sprache gesprochen.
1912 besucht Roman Luria mit seiner Frau Eugenie das Kur- und Heilbad Karlsbad in der damaligen österreich-ungarischen Monarchie.
Karlsbad ist Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts ein sehr bekanntes Kurbad mit einem hohen Anteil an internationalen Gästen. Die Statistik von 1912 listet 17.871 Kurgäste aus Europa außerhalb Österreichs, Ungarn, Bosnien, Herzegowina und Deutschland auf, 11.566 von ihnen kamen aus Russland. Bemerkenswert ist, dass Roman Luria erneut 1914 in den Anmeldelisten des Kurbades geführt wird mit Ankunft am 29.7.1914, einen Tag bevor sich Russland und Österreich-Ungarn im Kriegszustand befanden.
Luria nahm am Russisch-Japanischen Krieg (1904 bis 1905) teil in einem mobilen Feldkrankenhaus der Dritten Manschurei-Armee und war aktiv am ersten Weltkrieg beteiligt. Seit August 1914 war er leitender Arzt des 94. Reserveinfanterieregiments, später war er einem Reserve-Evakuierungskrankenhaus zugeteilt.
Während des Ersten Weltkriegs war er in Kazan Ansprechpartner gemeinsam mit dem Anwalt Blatt für das „Joint“ zur Unterstützung der unter dem Krieg leidenden Juden Russlands.
Das American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC / Joint) wurde 1914 als jüdisch-amerikanische Wohlfahrtsorganisation mit dem Ziel gegründet, Jüdinnen und Juden in Osteuropa und Palästina wirtschaftlich zu unterstützen. Während des Zweiten Weltkriegs half die Organisation jüdischen Flüchtenden aus NS-Deutschland. Nach der Shoa initiierte der Joint ein umfangreiches Hilfsprogramm für die Überlebenden in den deutschen, österreichischen und italienischen DP (Displaced Persons)-Lagern. Zudem organisierte und finanzierte der Joint die Auswanderung nach Israel und Übersee.
Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die Beschränkungen gegen Juden in der Sowetunion weitgehend aufgehoben. Für Roman Luria war nun der Weg frei für eine Universitätslaufbahn. Er erhielt eine Berufung an die Universität Kasan, an der er ein unabhängiges Institut für Fortbildung in der Medizin gründete, das er als erster Direktor 10 Jahre lang leitete neben der Leitung der Abteilung für Innere Erkrankungen. Dieses Institut besteht heute noch (Kasaner Staatliche Medizinische Akademie). 1927, anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der medizinischen Praxis von R.A. Luria wurde die therapeutische Klinik (konservative Abteilungen) nach ihm benannt und drei Stipendien in seinem Namen eingerichtet. Seit 2010 gibt es den Professor R.A. Luria-Preis für die besten Arbeiten junger Wissenschaftler*innen der Akademie.
Sein Sohn A.R. Luira schreibt in seinen Memoiren: “My father was a doctor, specializing in stomach and internal diseases, who taught at the Kazan Medical School. Following the Revolution, he became an influential contributor to Soviet medicine. He established an independent institute for advanced medical studies in Kazan and after several years moved to Moscow where he was vice-director of the Central Institute for Advanced Medical Studies. My family was typical of what in Russia is called “the intelligentsia.” We considered ourselves progressive and had no religious traditions. Although we were sympathetic to the revolutionary movement, we were not directly involved in it.”
1930 wechselte Roman Luria nach Moskau und war Mitbegründer des Zentralinstituts für die Fortbildung der Ärzte. Er war Leiter der therapeutischen Abteilung und stellvertretender Direktor des Instituts.
Wissenschaftliche Schwerpunkte
Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte bezogen sich frühzeitig auf Magen-Darm-Erkrankungen. Seine erste Publikation in einer deutschen Zeitschrift erfolgte 1912 mit einem Fallbericht über ein Megasigmoideum.
In den Folgejahren beschäftigte er sich mit der Syphilis, speziell mit den Auswirkungen auf den Magen. Sein Buch darüber erschien 1929 in Berlin im Verlag von Samuel Karger.
Früh beschäftigte er sich auch mit den psychosomatischen Aspekten von Erkrankungen. Er prägte den Begriff des „Inneren Bildes der Krankheiten“.
Unter dem äußeren Krankheitsbild verstand er die objektiven Daten, die der Arzt mit speziellen Forschungsmethoden erhält, alles, was erfasst und beschrieben werden kann. Unter dem inneren Bild der Krankheit verstand er die Gefühle der Patienten über die Krankheit, die Gesamtheit der Empfindungen und das allgemeine Wohlbefinden, Vorstellungen über die Ursachen der Krankheit. Dies ist „die ganze riesige innere Welt des Patienten, die aus sehr komplexen Kombinationen von Wahrnehmungen und Empfindungen, Emotionen, Affekten, Konflikten, mentalen Erfahrungen und Traumata besteht“ (Das Innere Bild der Krankheit. wiki7.org).
In seinem 1935 erschienen Buch „Inneres Bild von Krankheiten und iatrogenen Erkrankungen“ führt er dieses Konzept ein. Dieses Buch wurde in der Sowjetunion mehrfach aufgelegt, die 4. Auflage wurde 1977 von seinem Sohn kurz vor dessen Tod redigiert.
Roman Albertovich Luria starb am 22.10.1944 in Moskau. Sein Grab befindet sich auf dem Nowodewitschi-Friedhof Moskau.
Beitrag von Dr. med. Cornelie Haag, Dresden. Stand 13.1.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen