Dr. phil. Emil Albert Rosenthal
- 15.06.1869, Königsberg/ Kaliningrad
- unbekannt
- Mitglied seit 1925
- Geflohen 1939, Argentinien
- Berlin
- Chemiker und Gastroenterologe in Berlin
Herkunft, Ausbildung und Berufstätigkeit als Chemiker
Emil Albert Rosenthal wurde am 15. Juni 1869 in Königsberg (Ostpreußen) als viertes von fünf Kindern des jüdischen Kaufmanns Louis (Lewin) Rosenthal (Zempelburg 1831 – Berlin 1900) und seiner ersten Ehefrau Hulda, geborene Herrmann (Tuchel 1844 – Berlin 1887) geboren; Margarethe kam 1863 zur Welt, Paul 1864, Robert 1866, Emil 1869 und Richard 1871. Louis Rosenthal heiratete nach dem Tode seiner ersten Frau im Jahr 1889 in Königberg Clara Hahn. Wir können davon ausgehen, dass die Familie erst 1886 oder später nach Berlin kam, nachdem Emil und seine beiden Brüder Paul und Robert in Königsberg das Abitur ablegten. Emil wollte zu diesem Zeitpunkt Medizin studieren.
Emil Rosenthal immatrikulierte sich im Winterhalbjahr 1887/88 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und studierte bis zum Winterhalbjahr 1889/90 stattdessen Chemie. Er promovierte zum Dr. phil. in Berlin am 15. März 1890 mit einer Dissertation „Über das Homoterephtalendiamidoxim und einige seiner Derivate“. Die Arbeit hatte Relevanz für die Entwicklung künstlicher Farbstoffe, weil diese als chemische Bausteine oder Zwischenprodukte bei der Herstellung von Farbstoffen dienen können, da sie Metallionen binden. Sie ermöglichen es, Farbstoffe mit spezifischen Eigenschaften zu entwickeln, die in Textilien, Kunststoffen oder anderen Materialien eingesetzt werden.
Die Arbeit entstand während seiner Mitarbeit am Lehrstuhl von Professor August Wilhelm Hoffmann (1818-1892), einer Koryphäe auf dem Gebiet künstlicher Anilin-Farbstoffe und Gründer der Deutschen Chemischen Gesellschaft 1867. Im Sommerhalbjahr 1892 war Rosenthal als Assistent am 1. Lehrstuhl für Chemie im Vorlesungsverzeichnis gelistet, aber im Mai dieses Jahres starb Professor Hoffmann überraschend und beendete so die Karriere seines Assistenten.
In einer Korrespondenz Rosenthals mit einem der führenden Chemiker dieser Zeit, Hofrat Heinrich Caro (1834-1910), Teerfarben-Erfinder und Ko-Direktor der BASF Mannheim, beklagte er, dass er von Hoffmann kein Zeugnis erhalten habe und sich Sorgen mache um seine berufliche Zukunft.
In dieser Zeit wohnte Emil Rosenthal in Berlin in der Victoriastraße 17, in der sein Bruder, der Gerichts-Assessor Dr. Paul Rosenthal lebte. 1893 trat Emil Rosenthal seinen Militärdienst an, vermutlich für ein Jahr (1894) aufgrund der akademischen Vorbildung.
Auf der Suche nach möglichen Arbeitgebern eines promovierten Chemikers mit speziellen Kenntnissen in der Teerfarben-Chemie wurden die Archive der chemischen Industrie in Deutschland und dem Ausland (Schweiz, Frankreich) kontaktiert. Nachdem er im Adressbuch von Basel für die Jahre 1897 bis 1900 gefunden wurde (Feldbergstraße 124), konnte das schweizerische Nationalarchiv bestätigten, dass er seit dem 23. Januar 1896 in Basel lebte, zuvor aus Hüningen (heute: Huningue, Frankreich) zugezogen war und sich im Juli 1899 nach England abgemeldet hatte. Auch wenn es plausibel erscheint, dass er bei einer der chemischen Firmen in Basel gearbeitet hatte, konnte das (heutige) Novartis-Archiv keine Beschäftigung nachweisen, so dass wir davon ausgehen müssen, dass er bei der Chemische Industrie Basel Aktiengesellschaft (CIBA) möglicherweise als Gastwissenschaftler und Angehöriger einer anderen Firma gearbeitet hatte. Anfragen in den Archiven der BASF Mannheim, bei HOECHST Frankfurt und Recherchen in den Adressbüchern dieser Städte waren negativ, ebenso Nachforschungen in britischen Archiven. Dies ergibt eine biografische Lücke von etwa zwei Jahren (Juli 1899 bis Mai 1901).
In dieser Zeit arbeitete Rosenthal vermutlich zusammen mit dem Chemiker Wilhelm Epstein (1860-1941), da sie zwei gemeinsame Patente einreichten, ein US-Patent (1901) und ein deutsches Patent (1904) mit dem Titel „Verfahren zum Färben von Chromleder“.
Heirat, medizinische Ausbildung und Berufstätigkeit
Vermutlich in diesen zwei – uns – fehlenden Jahren lernte Emil Rosenthal seine zukünftige Frau kennen: Peshe alias Pauline Joffé, geboren am 24. April 1872 in Kowno (Kaunas) (heute Litauen, seinerzeit Russland), mosaischer Religion, Tochter des Kaufmanns Jankel Joffé, und dessen verstorbener Ehefrau Ite Beirath. Die Heirat fand in München am 1. Juli 1901 statt. Das Aufgebot war zwischen dem 20. und 26. Juni sowohl in Berlin, zu diesem Zeitpunkt Emil Rosenthals Wohnort, sowie in Frankfurt und München bestellt worden. Die Heiratsurkunde vermerkte darüber hinaus, dass Rosenthal Dissident war, d.h. zuvor aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten war.
Pauline Joffé, geboren am 7. Mai/24. April 1872, hatte zwischen 1894 und 1899 in Paris Medizin studiert und war dort im Jahr 1900 promoviert worden mit einer mikrobiologischen Arbeit aus dem Institute Pasteur im Labor von Elie Metchnikoff (1845-1916). Bei ihrer Hochzeit wurde sie als „Ärztin von hier“ (München) bezeichnet. Die Heirat wurde in vielen Provinzblättern berichtet, wobei immer betont wurde: „Die junge Frau Doktor wird nach ihrer Rückkehr von der Hochzeitsreise auf ärztlichem Gebiete weiter thätig sein“; selbst im großstädtischen Berlin erschien dies ungewöhnlich und eine Meldung wert. Nach Auskunft des Centrum Judaicum Berlin war Emil Rosenthal am 21. Mai 1901 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten. Die dort angegebene Adresse war Dessauerstr. 34a. Pauline, die sich auch Paula nannte, hatte am 4. August 1910 eine Totgeburt, aber am 19. Januar 1912 kam ein Sohn, Hans Peter, in der Charité Privat-Frauenklinik von Prof. Strassmann (Schumannstraße 18) zur Welt. Die dabei angegebene Wohnadresse von Dr. Pauline Rosenthal war Pariser Str. 48/49 in Berlin-Wilmersdorf.
Der Chemiker Dr. Emil Rosenthal fand sich im Berliner Adressbuch erstmals im Jahr 1902 und bis 1910 mit der Adresse Calvinstraße 23 (Berlin-Moabit). Von 1902 bis 1906 stand er außerdem dem „Dr. E. Rosenthal Chemisches Labor, Chausseestr 2e“ vor und führte medizinisch-chemische Laboranalysen für Kliniken durch. Vom Sommer 1905 bis zum Winterhalbjahr 1908/9 studierte er an der Friedrich-Wilhelms-Universität Medizin. Er wurde im Jahr 1910 approbiert, reichte aber keine medizinische Dissertation ein. Daher firmierte er im Adressbuch ab 1911 unter der Adresse Pariser Straße 39/40 als „Dr., pr. Arzt“ und nicht als „Dr. med.“. Er war Mitglied des Vereins Deutscher Chemiker seit 1903, der Medizinischen Gesellschaft seit 1917 und der (D)GVS seit 1925. Er wurde im Reichsmedizinalkalender erstmals 1912 und letztmalig 1935, dann als Magen-Darm-Spezialist gelistet.
Es gibt keine wissenschaftlichen Publikationen von Emil Rosenthal, aber Vorträge und Referate auf Fachkongressen der Inneren Medizin und Chemie.
Seine medizinische Praxis war zwischen 1913 und 1923 in der Privat-Poliklinik des Dr. Cramm, Friedrichstr. 131d, gemeinsam mit einigen (wechselnden) Kollegen. Die Häuser 131 a bis d zwischen Weidedamm-Brücke und Oranienburger Straße waren nahezu ausschließlich besetzt mit Privatkliniken von Professoren der naheliegenden Universitätskliniken. Nach 1923 war die Praxis der Eheleute in der Pariser Straße 39/40. Es ist belegt, dass er gelegentlich in der kinderärztlichen Praxis seiner Frau aushalf, als diese die Betreuung der schulentlassenen Waisen im Mädchenerholungsheim in Miersdorf übernahm.
Nach 1933
Verschwinden und Spuren nach Südamerika
Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten trat Emil Rosenthal am 18. April 1933 wieder der jüdischen Gemeinde bei. Laut Register „Mapping the lives“ emigrierte Emil Rosenthal am 1. November 1939 mit unbekanntem Ziel. Als Adresse ist Schöneberg/Tempelhof angegeben, während das Ehepaar im Adressbuch 1938 noch in Wilmersdorf (Pariser Str. 49/40) wohnte. Die entsprechende Eintragung nennt für Paula Rosenthal ebenfalls Schöneberg/Tempelhof als Wohnort, als Emigrationsdatum den 1. Oktober 1939, und als Ziel Frankreich. Laut Information des Bundesarchivs gibt es für beide keine „Zusatzkarte“ zur Volksbefragung vom Mai 1939, d.h. sie waren zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr in Deutschland wohnhaft.
Trotz intensiver Suche ist es nicht gelungen, den Verbleib von Dr. Emil Albert Rosenthal und seiner Frau, der Kinderärztin Dr. Pauline Rosenthal geborene Joffé aufzuklären. Sie verschwanden 1939 aus Berlin-Wilmersdorf, Pariser Straße 39/40 mit unbekanntem Ziel; vage Spuren führen nach Südamerika:
- Ein Emil Albert (Horace) Rosenthal war im März 1939 von Bordeaux nach Buenos Aires ausgereist mit Ankunft dort am 30. März 1939; Geburtsjahr (1869), Herkunft (Königsberg/Ostpreußen) und Berufsangabe (Arzt) stimmen überein. Der dritte Vorname „Horace“ (Horaz) könnte ein Erkennungszeichen gewesen sein, da die Vornamen Emil und Albert sowie der Nachname Rosenthal unter den vielen Emigranten sehr häufig vorkam. Auf dieser Fahrt war Pauline Rosenthal nicht registriert, es ist bislang also unbekannt, ob und wie sie ausgereist ist.
Die Einreise nach Argentinien war zu diesem Zeitpunkt noch mit einem Touristenvisum möglich, insbesondere wenn sich Familienangehörige bereits im Land befanden. Nach Kriegsbeginn war ab Mitte 1940 eine Ausreise aus dem besetzten Bordeaux nicht mehr möglich. In diesem Zusammenhang mag bedeutsam sein, dass Emil Rosenthal noch im Jahr 1937 eine (längere?) Reise gemacht hatte. Er meldete sich im Jüdischen Gemeindeblatt vom 17. Oktober 1937 als „von einer Reise zurück“. - Der Sohn Hans-Peter Rosenthal hatte im Jahr 1933 sein in Berlin begonnenes Studium der Rechtswissenschaften abbrechen müssen und war, mit Stationen über Paris, Marseille und Casablanca, im Juni 1935 nach Argentinien emigriert. Diese Informationen stammen aus einem Lebenslauf, den er 1962 im Rahmen eines Entschädigungsantrags aus Buenos Aires stellte. Er nannte sich zu diesem Zeitpunkt Juan Pedro Rosenthal.
- In diesem Antrag gibt er keinerlei Hinweise auf seine Eltern, deren Überleben und Aufenthalt. In den Jahren 1948, 1960 und 1964 findet sich je eine Einreise von Juan Pedro Rosenthal von Argentinien nach Brasilien (Rio de Janeiro), als seine Eltern sind jeweils Emil Rosenthal und Pauline Rosenthal-Joffé angegeben.
- Juan-Pedro Rosenthal hatte 1947 in Uruguay Lydia Wirth geheiratet, die in Berlin am 23. Februar 1902 geboren wurde. Lydia Wirth-Rosenthal reiste in den Jahren 1949, 1950 und 1955 ebenfalls nach Rio de Janeiro und hatte in Buenos Aires die gleiche Wohnadresse wie Juan-Pedro Rosenthal. Sie ist 1966 allein zurück nach Berlin gereist, wohnte in Schöneberg und starb dort 1974. Sie hatten wohl keine Kinder.
Es bleibt die Möglichkeit offen, dass Emil und Paula Rosenthal im Jahr 1939 oder bereits zuvor nach Südamerika emigriert sind und dort bis zu ihrem Tod gelebt haben.
Beitrag von Prof. Dr. Paul Enck, Berlin und Prof. Dr. Michael Schemann, München, Stand 13.2.2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen