Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Gottwald Schwarz
1880 - 1959

Prof. Dr. med. Gottwald Schwarz <br> © Archiv der Universität Wien
Prof. Dr. med. Gottwald Schwarz
© Archiv der Universität Wien

Mitglied seit 1927

Früher Experte der Röntgendiagnostik des Magen-Darm-Trakts

Flucht über die Schweiz nach England 1938, in die USA 1940

Schwarz' wegweisende
Arbeit 1903; Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 1903; 100: 532-546,
Schwarz' wegweisende Arbeit 1903; Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 1903; 100: 532-546,
Schwarz' Beitrag mit Hans Eppinger
(Jr.) zur Mikrogastrie, Archiv für Verdauungskrankheiten 1910, Bd. XVI: 286-91, Sonderdruck
Schwarz' Beitrag mit Hans Eppinger (Jr.) zur Mikrogastrie, Archiv für Verdauungskrankheiten 1910, Bd. XVI: 286-91, Sonderdruck
10_Monographie 1914, Kopie Titelblatt Arch H Je
10_Monographie 1914, Kopie Titelblatt Arch H Je
Schwarz' Arbeit in London, Brit J Dermatol Syph 1940; 52: 10-20
Schwarz' Arbeit in London, Brit J Dermatol Syph 1940; 52: 10-20
Gottwald Schwarz, um 1950, in: Case J T. Gottwald Schwarz 1880 – 1959. ©️ American Roentgen Ray Society, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ARRS
Gottwald Schwarz, um 1950, in: Case J T. Gottwald Schwarz 1880 – 1959. ©️ American Roentgen Ray Society, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ARRS

Prof. Dr. med. Gottwald Schwarz

  • 0‌2‌.‌0‌8‌.‌1‌8‌8‌0‌, Brünn/Brno, Südmähren, Tschechien
  • 2‌6‌.‌0‌2‌.‌1‌9‌5‌9‌, New York
  • Mitglied seit 1927
  • Geflohen 1938, USA
  • Wien
  • Facharzt für Röntgenologie

Gottwald Schwarz wurde 1880 in der jüdischen Familie von David Schwarz und dessen Ehefrau Friederike, geb. Mösinger, im früheren Brünn, heute Brno, Tschechien, geboren. Die Kindheit und Jugendzeit verbrachte Gottwald Schwarz in Wien.

Ausbildung und Wirkungsstätte 

Nach der Gymnasialzeit in Wien studierte Schwarz seit 1898 Medizin an der Wiener Universität. Als Student arbeitete er am Universitätsinstitut für Pflanzenphysiologie in Wien und beschäftigte sich mit den Wirkungen der Radiumstrahlen auf die Photosynthese. Dabei kam er mit dem Pionier der Röntgendiagnostik und Strahlentherapie Guido Holzknecht (1872 – 1931) in Kontakt, der das Röntgenlaboratorium der I. Wiener Medizinischen Universitätsklinik (Klinikdirektor Hermann Nothnagel) leitete. Holzknecht regte Schwarz zu weiteren Untersuchungen über biochemische Veränderungen im Gewebe durch eine Radiumbestrahlung an. 1903 publizierte Gottwald Schwarz im renommierten Archiv für die gesamte Physiologie seine wegweisende Arbeit „Ueber die Wirkung der Radiumstrahlen. Eine physiologisch-chemische Studie am Hühnerei (Arch f Physiol 1903; 100: 532-546).

Schwarz' wegweisende
Arbeit 1903; Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 1903; 100: 532-546,
Schwarz' wegweisende Arbeit 1903; Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 1903; 100: 532-546,

Das Medizinstudium schloss er 1904 mit der Promotion ab.

Danach war Schwarz 6 Monate in der Ambulanz der Klinik Hermann Nothnagels tätig, gefolgt von 6 Monaten in der IV. Medizinischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Wien bei dem Internisten Friedrich Kovacs. Danach wechselte er für 4 ½ Jahre zu Guido Holzknecht, der inzwischen am AKH Wien eine neue Abteilung für Röntgendiagnostik und Strahlentherapie übernommen hatte.

Schwarz' Beitrag mit Hans Eppinger
(Jr.) zur Mikrogastrie, Archiv für Verdauungskrankheiten 1910, Bd. XVI: 286-91, Sonderdruck
Schwarz' Beitrag mit Hans Eppinger (Jr.) zur Mikrogastrie, Archiv für Verdauungskrankheiten 1910, Bd. XVI: 286-91, Sonderdruck

Carl von Noorden, seit 1906 Nachfolger Hermann Nothnagels, betraute Schwarz 1909 mit der Weiterentwicklung und Führung des Röntgenlaboratoriums der I. Medizinischen Universitätsklinik in Wien. 1913 wurde Schwarz an der Wiener Universität habilitiert. Sein Habilitationsvortrag trug den Titel „Die Durchleuchtung des Magens in rechter Seitenlage und deren diagnostische Bedeutung“. Die Venia Legendi erhielt er im Dezember 1913 (OeStA-AVA, Unterricht, UM Allgem. Akten 631.37, u.a. Habilitationsakt und Curriculum Vitae G. Schwarz). 1926 wurde Schwarz eine außerordentliche Professur übertragen. Von 1920 bis 1938 war er Vorstand des Röntgen-Institutes am Wiener Kaiserin-Elisabeth Spital.

Im August 1910 hatte Gottwald Schwarz die aus Vukovar, heute Kroatien, stammende und 1886 geborene Charlotte Desiree Hiller geheiratet. Im Juni 1912 wird der Sohn Gerhart Schwarz geboren.

Neben Leopold Freund, Robert Kienböck und Guido Holzknecht gehörte Gottwald Schwarz zu den Pionieren der diagnostischen Radiologie und der Strahlentherapie in Österreich. Schwarz widmete sich insbesondere der Röntgendiagnostik des Magen-Darm-Traktes. Seine Monographie „Klinische Röntgendiagnostik des Dickdarms“ (1914) wurde zu einem Standardwerk.

10_Monographie 1914, Kopie Titelblatt Arch H Je
10_Monographie 1914, Kopie Titelblatt Arch H Je

Er befasste sich intensiv mit der radiologischen Prüfung der Magenperistaltik sowie mit der Diagnostik des Ulcus ventriculi und duodeni. Schwarz beschäftigte sich ferner mit den Möglichkeiten, radiologisch frühzeitig gastrointestinale Tumore zu detektieren. Seine weiteren Arbeitsgebiete waren die Röntgendiagnostik des Herz- und Kreislaufsystems sowie grundlegende Fragen der Strahlentherapie. Eine Vielzahl von Einzelpublikationen dokumentieren Schwarz’ wissenschaftliche Arbeit.

1910 wurde Gottwald Schwarz in Würdigung seiner grundlegenden Beiträge zum Ehrenmitglied der Amerikanischen Röntgen-Gesellschaft ernannt. Schwarz war 1923 Mitbegründer der Wiener Gesellschaft für Röntgenkunde und 1934 der Österreichischen Röntgengesellschaft. 1937 war Gottwald Schwarz Leiter der Delegation der österreichischen Radiologen während des Internationalen Radiologenkongresses in Chicago.

 

1938 bis 1959

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 wurde der 57-jährige Gottwald Schwarz am 22. April 1938 aus rassistischen Gründen seines Amtes enthoben. Die Venia Legendi wurde ihm von den NS-Behörden entzogen.

 

Flucht über die Schweiz und England in die USA

Am 13. Mai 1938 verließen Gottwald und seine Ehefrau Charlotte Schwarz Österreich. Offiziell meldeten sie sich am 23.6.1938 nach Großbtriannien ab. Sie fanden Zuflucht in London. Die Einreise nach Großbritannien erfolgte mit Unterstützung durch die britische Flüchtlingsorganisation Society for the Protection of Science and Learning ( S.P.S.L.). Durch deren Hilfe konnte Schwarz in seinem Fachgebiet im Prince of Wales’s General Hospital im Londoner Stadteil Tottenham bei dem bekannten britischen Radiologen Seymour Cochrane Shanks tätig sein.

Schwarz' Arbeit in London, Brit J Dermatol Syph 1940; 52: 10-20
Schwarz' Arbeit in London, Brit J Dermatol Syph 1940; 52: 10-20

Zwei Jahre später übersiedelte das Ehepaar Schwarz in die USA. Am 21. Juni 1940 erreichten Gottwald und Charlotte Schwarz auf der S.S. Britannic von Liverpool aus New York. Seither lebten sie  in Manhattan. Nach Sprachprüfungen und erneutem Examen erhielt Schwarz die Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit. Er führte eine kleine private Röntgenpraxis, unterstützt von seiner Ehefrau, die als Röntgenassistentin tätig war. Im August 1945 erhielt das Ehepaar die US-Staatsbürgerschaft.

Gottwald Schwarz, um 1950, in: Case J T. Gottwald Schwarz 1880 – 1959. ©️ American Roentgen Ray Society, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ARRS
Gottwald Schwarz, um 1950, in: Case J T. Gottwald Schwarz 1880 – 1959. ©️ American Roentgen Ray Society, Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ARRS

Schwarz’ finanzielle Situation blieb in den USA angespannt. Das Ehepaar erhielt Hilfe von ihrem Sohn. Im Juni 1956 wandte sich der 76-jährige Schwarz erstmals mit der Bitte um Unterstützung an den österreichischen Fonds zur Hilfeleistung für politisch Verfolgte, die ihren ständigen Aufenthalt im Ausland hatten. Diese wurde ihm gewährt. Am 13.Im März 1957 antwortete Schwarz dem Hilfsfonds: „Ich stand vor der Delogierung als Ihre Spende einlangte“. Im Dezember 1957 bat er um weitere Hilfe durch den Hilfsfonds: “Verzeihen Sie, wenn ich an Sie die Bitte stelle, mir die zweite Hälfte der Unterstützung zukommen zu lassen. Ich stehe im 78. Lebensjahr, bin krank nach einem Schlaganfall, kann keine Praxis ausüben und bin daher in großer Notlage. In allererster Reihe bedrückt mich die Sorge um den allmonatlich zu entrichtenden Wohnungszins. Meine Frau, die im 72. Lebensjahr steht, ist auch nicht mehr arbeitsfähig“ (OeSt-AdR Finanzen BMF 2 Rep AHF 3.156).

Gottwald Schwarz starb am 26. Februar 1959 in New York. Die Urnenbestattung fand auf dem Ferncliff Cemetery, Hartsdale, Westchester County, New York statt. Schwarz war in den USA wegen seiner originären Arbeiten zur Entwicklung der Röntgendiagnostik sowie der Strahlentherapie seit 1903 hoch angesehen. Der amerikanische Radiologe James Thomas Case, seit einem Aufenthalt in Wien 1907 mit Schwarz bekannt, würdigte ihn im American Journal of Roentgenology (AJR) 1959 mit einem einfühlsamen Nachruf. Schwarz’ Kollege, der Radiologe und Leiter des Röntgenlaboratoriums der I.  Chirurgischen Universitätsklinik in Wien, Max Saglitzer, erinnerte 1959 in Radiology umfassend an dessen Verdienste. Saglitzer wurde wie Schwarz 1938 aus seinem Amt entlassen, floh in die Türkei und 1943 in die USA, wo er in Denver, Colorado, in seinem Fachgebiet lehrte.

Schwarz‘ Ehefrau Charlotte starb 1979 hochbetagt in New York.

Der Sohn, Hans Gerhart Schwarz, mußte 1938 auf Anordnung der NS-Behörden in Wien sein Medizinstudium abbrechen und erhielt am 11. Juni 1938 ein Abgangszeugnis (https://gedenkbuch.univie.ac.at/en/page/129/person/gerhart-schwarz ). Er floh in die Schweiz und konnte an der Medizinischen Fakultät, Universität Basel, das Medizinstudium mit dem Examen abschließen. Danach gelangte er nach Großbritannien und übersiedelte am 19. Mai 1939 von Southamptom nach New York. Im März 1940 wechselte er nach Chicago und absolvierte eine Facharztausbildung für Radiologie. Später lebte er mit seiner Familie  in New Rochelle im Bundesstaat New York, etwa 35 km von Manhattan entfernt. 1966 würdigte er seinen Vater Gottwald Schwarz posthum mit einer Publikation im American Journal of Roentgenology, in der er seinen Vater als Mitautor nannte.

Posthume Publikation des Sohnes
Gerhart Schwarz mit seinem Vater, AJR American Journal of Roentgenology 1966; 97: 687-692
Posthume Publikation des Sohnes Gerhart Schwarz mit seinem Vater, AJR American Journal of Roentgenology 1966; 97: 687-692

Gerhart Schwarz starb am 8. Oktober 1982 in New Rochelle. Seine Tochter, die Psychologin Dr. Doris Schwarz-Lisenbee (1946-2020) engagierte sich in Kalifornien in der Erinnerungsarbeit für die Holocaust-Opfer.

 

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Untersuchung des Herzens und der großen Gefäße mittels Röntgenstrahlen. Leipzig, Wien: Verlag von Franz Deuticke 1911
  2. Klinische Röntgendiagnostik des Dickdarms und ihre physiologischen Grundlagen. Berlin: Verlag von Julius Springer 1914
  3. Über einige strahlenbiologische Phänomene in ihren Beziehungen zur therapeutischen Methodik. Wien Klin Wochenschr 1923; 36: 906-907
  4. Über einen scheinbar gesetzmäßigen Unterschied zwischen gutartigem und bösartigem Wachstum im Verhalten gegenüber der Röntgenwirkung. Klin Wochenschr 1923; 2: 969-970
  5. Strahlenbiologische Untersuchungen zum Malignitätsproblem. Strahlenther 1924; 16: 394-411
Danksagung

Meiner Kollegin Dr. med. Cornelie Haag, Dresden, danke ich für die wichtigen Quellenfunde (Gottwald Schwarz’ Habilitationsakte 1913 und seine Korrespondenz mit dem österreichischen Hilfsfonds 1956/57) im Österreichischen Staatsarchiv, Wien.

Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Stand 26.8.2021, neu bearbeitet am 12.5.2026


Quellen und Literatur
zu den Quellen
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Gottwald Schwarz

Quellen

AT-OeStA/AVA, Unterricht, UM allgem. Akten 631.37 [u.a. Habilitationsakte, Curriculum Vitae Gottwald Schwarz]

AT-OeSt/AdR Finanzen BMF 2Rep AHF 3.156 [Korrespondenz Gottwald Schwarz und österreichischer Hilfsfonds für politisch Verfolgte  1956 / 57]

Bodleian Libraries, Oxford, Archives & manuscripts. Archive S.P.S.L. (heute CARA), MS. S.P.S.L 422/5 und 409/1, Gottwald Schwarz.

Schriftliche Mitteilung Ferncliff Cemetery Association, Hartsdale, Westchester County, New York, an den Verfasser H Je, 6.4.2026

 

Literatur

Case J T. Gottwald Schwarz 1880 – 1959. Obituary. Am J Roentgenol Radium Ther Nucl Med 1959; 82(1):148 -149.

Fischer I. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Band II. Berlin, Wien: Urban & Schwarzenberg; 1933, S.1426 – 1427

Kagan S. Jewish Physicians. Boston: Medico-Historical Press 1952: 540

Kogelnik H D. The history and evolution of radiotherapy and radiation oncology in Austria. IntJRadiatOncol Biol, Phys 1996; 35: 219 – 226

o.V. Obituaries. JAMA 1983; 250: 277 [Obituary Gerhart Schwarz, MD, died October 8, 1982]

Sgalitzer M. Gottwald Schwarz M.D., 1880 – 1959, Radiology. 1959; 73:272-273

Schwarz Gottwald, Schwarz Gerhart. Noninfectious symphysial bridging and pseudo-marsupial bones. Am J Roentgenol Radium Ther Nucl Med 1966; 97: 687-689

Zeitlhofer H. Gottwald Schwarz -Eine Wiederentdeckung. In: Gesellschaft der Ärzte in Wien (Hg). Vergessene Größen der Wiener Medizin und ihre Beziehung zur Gesellschaft der Ärzte in Wien. Teil 3. Billrothhaus, Wien 2019 [https://www.billrothhaus.at/index.php?option=com_content&task=view&id=648&Itemid=1&func_com=1]

 

Weblinks

https://gedenkbuch.univie.ac.at/person/gottwald-schwarz [Beitrag K.Kniefacz, H. Posch], Stand 4.4.2026

https://ub.meduniwien.ac.at/blog/?p=32330 [van Swieten Blog, Universität Wien], Stand 4.4.2026

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Max_Sgalitzer [Erinnerung an den Wiener Radiologen Max Saglitzer, 1884-1973 , Stand 5.4.206

https://gedenkbuch.univie.ac.at/en/page/129/person/gerhart-schwarz, [Memorial book Gerhart Schwarz], Stand 4.4.2026

https://www.mercurynews.com/obituaries/memoriam-doris-schwarzlisenbee/ [Obituary Dr. Doris Schwarz-Lisenbee, Enkeltochter Gottwald und Charlotte Schwarz’ und Tochter Gerhart und Gertrude Schwarz], Stand 5.4.2026