Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Dr. med.
Hans Walther Ullmann
1893 - 1964

Passbild Dr. Hans Ullmann, Februar 1939. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Passbild Dr. Hans Ullmann, Februar 1939. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Mitglied seit 1926

Studium in München

Internistische Ausbildung an der Charité Berlin

Flucht über England in die USA

Studentenkarte Hans Ullmanns © Universitätsarchiv München [UAM], Stud-Kart I (Ullmann, Hans)
Studentenkarte Hans Ullmanns © Universitätsarchiv München [UAM], Stud-Kart I (Ullmann, Hans)
Zeitschrift Gesamte Experimentelle  Medizin 1923
Zeitschrift Gesamte Experimentelle Medizin 1923
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Ullmann als Juden. Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Ullmann als Juden. Kopie Arch H Je
Zertifikat mit Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Zertifikat mit Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Walther Hans Ullmans Briefkopf in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Walther Hans Ullmans Briefkopf in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Dr. med. Hans Walther Ullmann

  • 0‌5‌.‌0‌9‌.‌1‌8‌9‌3‌, Bamberg
  • 2‌4‌.‌1‌1‌.‌1‌9‌6‌4‌, New York
  • Mitglied seit 1926
  • Geflohen 1939, USA
  • Berlin
  • Niedergelassener Facharzt für Innere Krankheiten

Hans Walther Ullmann wurde am 5. September 1893 als Sohn des Carl Ullmann und seiner Ehefrau Mathilde, geb. Bechmann in Bamberg geboren. Er wuchs mit einem älteren Bruder, dem 1889 geborenen Robert Leopold Ullmann auf. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft.

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Hans Ullmann besuchte von 1903 bis 1912 das Neue Humanistische Gymnasium in Bamberg und studierte anschließend Medizin in Würzburg, Heidelberg und München.

Studentenkarte Hans Ullmanns © Universitätsarchiv München [UAM], Stud-Kart I (Ullmann, Hans)
Studentenkarte Hans Ullmanns © Universitätsarchiv München [UAM], Stud-Kart I (Ullmann, Hans)

Das begonnene   Studium musste er   wegen des Ersten Weltkrieges unterbrechen. Seit 1914 nahm er als Kriegsfreiwilliger aktiv am Krieg mit Lazarett-Tätigkeiten in Zweibrücken und Würzburg teil. Nach dem Weltkrieg setzte er sein Studium an der Universität München fort.

Dort legte Ullmann 1920 das Staatsexamen ab und wurde mit der Arbeit „Ein Karzinosarkom des Kehlkopfs“ promoviert. Im gleichen Jahr erhielt er die ärztliche Approbation.

Kopie Approbationsurkunde. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Kopie Approbationsurkunde. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Dissertation 1920, Universität München. Kopie Titelblatt, Arch H Je
Dissertation 1920, Universität München. Kopie Titelblatt, Arch H Je
Kopie Promotionsurkunde. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Kopie Promotionsurkunde. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Nach dem Studium arbeitete Ullmann seit 1920 an der Zweiten Medizinischen Universitätsklinik der Berliner Charité bei Friedrich Kraus.

Zeitschrift Gesamte Experimentelle  Medizin 1923
Zeitschrift Gesamte Experimentelle Medizin 1923

Diese Tätigkeit beendete er 1927, vermutlich im Zusammenhang mit Kraus’ Emeritierung. Hans Ullmann eröffnete als Facharzt für Innere Krankheiten eine eigene Praxis in der Waitzstrasse in Berlin-Charlottenburg, die sich rasch sehr erfolgreich entwickelte. Nebenher war er kurzzeitig und vertretungsweise als Gewerbearzt der Stadt Berlin tätig, zudem war er Vertrauensarzt der Maschinenbau-Kassen.

Kopie Bescheinigung Arbeitsamt Berlin. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Kopie Bescheinigung Arbeitsamt Berlin. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Nach Gründung der Fachzeitschrift „Die Medizinische Welt“ 1927, die auf die Verbindung zwischen Wissenschaft und ärztlicher Praxis abzielte, gehörte Ullmann bis 1929 zur Schriftleitung dieses neuen medizinischen Fachblattes. Sein Nachfolger wurde 1930 der spätere Kinderneurologe Clemens Ernst Benda, der wie Hans Ullmann später in die USA fliehen musste.

Die Medizinische Welt 1928, H. Ullmann in der Schriftleitung, Kopie Arch H Je
Die Medizinische Welt 1928, H. Ullmann in der Schriftleitung, Kopie Arch H Je

1926 publizierte Ullmann als Mitarbeiter der Zweiten Medizinischen Universitätsklinik der Charite im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einen Beitrag „Zur Frage der Vitalität und Morbidität der jüdischen Bevölkerung“.

Archiv f Rassen- und Gesellschafts-Biologie 1926, Kopie Arch H Je
Archiv f Rassen- und Gesellschafts-Biologie 1926, Kopie Arch H Je

In jener Zeit waren Fragen der „Biologie und Pathologie der Person“ Gegenstand verschiedener Forschungsansätze. Das genannte Archiv war das Organ der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene und wurde seit 1904 von dem Rassentheoretiker Alfred Ploetz herausgegeben. Aus heutiger Sicht ist schwer verständlich, dass Ullmann in dieser Zeitschrift publizierte, die wenige Jahre später das rassenbiologische Denken der Nationalsozialisten offen verbreitete.

Hans Ullmann war neben seiner ärztlichen Tätigkeit journalistisch aktiv und publizierte zahlreiche Beiträge in Berliner Tageszeitungen, u.a. in der Berliner Zeitung am Mittag und in der Morgenpost. Aufgrund dieser Aktivitäten war er Mitglied in der Reichskulturkammer.

 

Flucht nach Großbritannien 1939 und in die USA 1940

Im April 1933 erlebte Hans W. Ullmann den Boykott der ärztlichen Praxen durch die Nationalsozialisten und in den folgenden Jahren die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung.

Reichsmedizinalkalender 1933, Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1933, Kopie Arch H Je
Erhalt der Kassenzulassung 1933, "Frontkämpfer-Privileg". Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Erhalt der Kassenzulassung 1933, "Frontkämpfer-Privileg". Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Die Zulassung zur Kassenarztpraxis blieb zunächst aufgrund des „Frontkämpfer-Privilegs“ erhalten. Mit dem 30. September 1938 entzogen ihm die NS-Behörden die ärztliche Approbation. Aus der Reichsschrifttumskammer war er als Jude im Januar 1935 ausgeschlossen worden.

Ausschluss Ullmanns aus der Reichsschrifttumskammer. Quelle. Entschädigungsbehörde Berlin
Ausschluss Ullmanns aus der Reichsschrifttumskammer. Quelle. Entschädigungsbehörde Berlin
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Ullmann als Juden. Kopie Arch H Je
Reichsmedizinalkalender 1937. Der Doppelpunkt vor dem Namen stigmatisiert Ullmann als Juden. Kopie Arch H Je

Nach Entrichtung der Reichsfluchtsteuer und der Judenvermögensabgabe floh Ullmann am 27. Mai 1939 aus Berlin zunächst nach Großbritannien / London und wohnte in St. Pancras. Am 19. Juli 1939 heiratete er in London die aus Berlin stammende und 1896 geborene Hilda Pauline Dresel.

Ullmans Ehefrau Hilda Pauline, geb.
Dresel. Passbild, US-Einbürgerungsantrag 1940. Quelle: familysearch.org
Ullmans Ehefrau Hilda Pauline, geb. Dresel. Passbild, US-Einbürgerungsantrag 1940. Quelle: familysearch.org
Passbild Hilde Dresel, Ullmanns Ehefrau, Berlin, Februar 1939. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Passbild Hilde Dresel, Ullmanns Ehefrau, Berlin, Februar 1939. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er als Enemy Alien von der Internierung befreit.

Eintrag in Ullmanns Pass, Dover 27.5.1939, Einreise Großbritannien. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Eintrag in Ullmanns Pass, Dover 27.5.1939, Einreise Großbritannien. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Am 23. 9. 1940 gelangte er gemeinsam mit seiner Ehefrau von Liverpool aus mit der S.S. Samaria in die USA und erreichte New York am 3. Oktober 1940. In den USA nannte er sich Walther Hans Ullman. Das Umzugsgut des Ehepaares Hans und Hilda Ullmann wurde im Hamburger Hafen von der GESTAPO zurückgehalten und später für 296 RM versteigert (vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv / BLHA 36 A II 38426).

Nach Sprachprüfungen und Ablegen des amerikanischen Staatsexamens erhielt W. H. Ullman die Lizenz zur Ausübung einer privaten Praxis.

Zertifikat mit Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Zertifikat mit Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Seit Juli 1942 arbeitete er als general practitioner in New York, seit November 1958 war er außerdem für das New Yorker Department of Welfare tätig und machte Hausbesuche bei den vom New Yorker Wohlfahrtsamt Betreuten.

Walther Hans Ullmans Briefkopf in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Walther Hans Ullmans Briefkopf in New York. Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Unterschrift des Ehepaares Ullman, Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin
Unterschrift des Ehepaares Ullman, Quelle: Entschädigungsbehörde Berlin

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Ullman wiederholt nach Deutschland zurück und hielt sich vor allem in München zu Konzert- und Theaterbesuchen auf. In den 1950er Jahren publizierte Ullman in der „Medizinischen Welt“ (vorübergehend unter dem Titel „Die Medizinische“ erschienen) mehrere Beiträge, so 1958 eine Würdigung des Internisten und früheren Direktors der Berliner II. Medizinischen Universitätsklinik Friedrich Kraus anlässlich dessen hundertsten Geburtstages.

Walther Hans Ullman starb 71-jährig in Manhattan / New York am 24. 11. 1964. Seine Grabstätte ist (bisher) nicht bekannt. Seine Ehefrau Hilda Ullman-Dresel starb am 9. März 1984 in Bad Soden im Taunus.

Walther H. Ullmans Vater war 1939 84-jährig in Bamberg gestorben. Seine Mutter, die 1865 in Fürth geborene Mathilde Ullmann-Bechmann gelangte von Europa zunächst nach Havanna. Nach einem einjährigen Aufenthalt auf Cuba konnte sie von dort im März 1943 zunächst nach Miami, Florida, USA, einreisen. Sie lebte in der Folgezeit bei ihrem älteren Sohn Robert L. Ullman in Rome, Oneida County, im Bundesstatt New York, etwa 350 km entfernt von Manhattan. Mathilde Ullman starb hochbetagt 1960.

Der Bruder Robert L. Ullmann studierte ebenfalls Medizin und absolvierte Staatsexamen und Promotion 1913 in Erlangen. Er konnte nach 1933 zunächst nach Großbritannien fliehen und übersiedelte im Mai 1936 von Southampton aus in die USA und lebte fortan in Rome, Oneida County, Bundesstaat New York. Er starb im gleichen Jahr 1964 wie sein Bruder Walther Hans Ullman.

Grabstein für W. H. Ullmans  Bruder Dr. Robert L. Ullman, Saint Mary's Cemetery, Rome, Oneida County, Bundesstaat New York. Quelle: www.findagrave.com
Grabstein für W. H. Ullmans Bruder Dr. Robert L. Ullman, Saint Mary's Cemetery, Rome, Oneida County, Bundesstaat New York. Quelle: www.findagrave.com

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Die Bedeutung der endogenen Harnsäureausscheidung bei Lebererkrankungen. Verhandl Dtsch Gesell Inn Med 1922; 34. Kongress, S. 171-172
  2. Zur Frage der Harnsäureausscheidung im Urin von Ikteruskranken. Z Ges Exp Med 1923; 38: 67-93
  3. Zur Frage der Vitalität und Morbidität der jüdischen Bevölkerung. Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschaftshygiene. 1926; 18 (1):1 – 54
  4. Die Zunahme der Zuckerkrankheit. Dtsch med Wochenschr 1927; 53: 561-565

Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Erstveröffentlichung 28.11.2022, Neubearbeitung 11.1.2026 und 24.6.2026


Quellen und Literatur
zu den Quellen
Zurück

Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Dr. med. Hans Walther Ullmann

Quellen   

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) Berlin, Entschädigungsbehörde. Entschädigungsakte Reg. Nr. 271.681 [Entschädigungsvorgang Dr. Walther Hans Ullman]

Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) Berlin, Entschädigungsbehörde. Entschädigungsakte Reg. Nr. 271.773 [Entschädigungsvorgang für Hilda Ullman, geb. Dresel]

Universitätsarchiv München / UAM. Studenten-Karte I (Hans Ullmann)

Brandenburgisches Landeshauptarchiv / BLHA, Sign. 36 A II 38426

Landesarchiv Berlin / Wiedergutmachungsakte B Rep 025-03 Nr. 4756 / 51

Literatur

Ullmann H. Ein Karzinosarkom des Kehlkopfs. Medizinische Dissertation, Universität München, 1920. Maschinenschrift. Staatsbibliothek Berlin-Preußischer Kulturbesitz / SBB-PK Sign. MS 20 / 3072 MF

Ullmann R. Ueber die Umsetzung verfütterter Nucleinsäure beim Menschen. Medizinische Dissertation, Universität Erlangen 1913. Bayerische Staatsbibliothek / BSB, Med. Diss. U 14.1638 Jg. 1914 (darin Lebenslauf, S. 21 f.)

Benda C. Gedanken zum Tod von Dr. Walther Hans Ullman, New York. Gestorben 24. November 1964. Die Medizinische Welt 1965; NF 16 (Heft 2, 9. Januar), 135 – 136

Schwoch R. [Hg] Berliner Jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch. Berlin: Hentrich & Hentrich Verlag 2009: 871

Weblinks

www.ancestry.de [Recherche in online-Datenbanken zu Passagierlisten Europa / USA, Einbürgerungsanträgen in den USA und online-Dokumenten in Großbritannien], Stand 15.1.2021

www.familysearch.org [Recherche in den online-Datenbanken der USA, u.a. US- Einbürgerungsanträge, Immigrationsdokumente in den USA], Stand 4.6.2026

https://dajab.de/personen/hans-ullmann/ [Digitales Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933 – 1945, Eintrag Hans Ullmann], Stand 8.1.2026