Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Ernst Neisser
1863 - 1942

Prof. Dr. med. Ernst mit Tochter Susanne 1937 © Nicki Stieda, Kanada
Prof. Dr. med. Ernst mit Tochter Susanne 1937 © Nicki Stieda, Kanada

Mitglied seit 1928

Studium in Berlin, Breslau, Freiburg und Heidelberg

Pionier im Kampf gegen die Tuberkulose

36-jährige
erfolgreiche Tätigkeit
im Städtischen
Krankenhaus Stettin

Selbstmord unter
dem Druck der
NS-Verfolgungen

Dissertation, Berlin 1888
Dissertation, Berlin 1888
Berliner klinische Wochenschrift 1910
Berliner klinische Wochenschrift 1910
Berliner Klinische Wochenschrift 1920
Berliner Klinische Wochenschrift 1920
Ernst Neisser mit Enkelkind Agnes 1929 © Nicki Stieda
Ernst Neisser mit Enkelkind Agnes 1929 © Nicki Stieda

Prof. Dr. med. Ernst Neisser

  • 1‌6‌.‌0‌5‌.‌1‌8‌6‌3‌, Liegnitz/ Legnica, Niederschlesien, Polen
  • 0‌4‌.‌1‌0‌.‌1‌9‌4‌2‌, Berlin
  • Mitglied seit 1928
  • Stettin
  • Facharzt für Innere Medizin

Ernst Neisser wurde 1863 als Sohn des Kaufmanns Salomon Neisser und seiner Ehefrau Julie, geb. Sabersky, im früheren Liegnitz, Niederschlesien, geboren. Sein Bruder war der Frankfurter Bakteriologe Max Neisser.

 

Ausbildung und Weiterbildung

Neisser besuchte das städtische Gymnasium seiner Heimatstadt, das er Ostern 1883 mit der Reifeprüfung verließ. Er studierte in Berlin, Breslau, Freiburg sowie Heidelberg Medizin, wo er im Februar 1888 das Staatsexamen ablegte. Im April des gleichen Jahres wurde er an der Berliner Universität mit der Arbeit „Beiträge zur Kenntnis des Glykogens“ promoviert, die er in der Medizinischen Klinik der Berliner Charité bei Paul Ehrlich angefertigt hatte. Nach dem Staatsexamen war er bei Robert Koch und Carl Fraenkel im Institut für Hygiene der Charité tätig. Das Interesse an den Infektionskrankheiten hat Neissers Berufsweg begleitet. 1890 wechselte Neisser zu Ludwig Lichtheim an die Medizinische Klinik der Universität Königsberg. Dort habilitierte er sich 1893 im Fach Innere Medizin mit der Arbeit „Über die gegenwärtige Bedeutung des Tierversuches für die Lehre von den Infektionserkrankungen“.

Dissertation, Berlin 1888
Dissertation, Berlin 1888

1891 dokumentierte Ernst Neisser erstmalig Corynebacterium diphtheriae („Loeffler Bacillus“) im Gewebe einer cutanen Manifestation der Diphtherie.

 

Wirkungsstätte Stettin

Ernst Neisser, wissenschaftlich orientiert, war 36 Jahre, von 1895 bis 1931, als Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin am Städtischen Krankenhaus Stettin tätig und prägte die Abteilung nachhaltig. In dieser Zeit erweiterte er die Medizinische Klinik von initial 160 auf 400 Betten im Jahre 1931. Er etablierte ein eigenes chemisches Labor und widmete sich anfänglich in besonderer Weise bakteriologischen Fragen sowie den Infektionskrankheiten. Er richtete eine Diphtherieuntersuchungsstation ein, beschäftigte sich mit dem in Stettin grassierenden Typhus und regte gemeinsam mit seinem Oberarzt Hermann Braeuning frühzeitig die Gründung spezieller Tuberkulosekrankenhäuser für Patienten mit allen Stadien der Erkrankung an. Das 1915 eröffnete Tbc-Krankenhaus Hohenkrug (Zdunowo) in einem Ortsteil Stettins geht auf Neissers Pläne zurück. Es ist einer der Pioniere der frühen systematischen Strategien gegen die Tuberkulose.

Berliner klinische Wochenschrift 1910
Berliner klinische Wochenschrift 1910

Die der Abteilung zugeordnete Poliklinik wurde zu einem „Prophylaktischen Institut“ und später zu einem „Institut für die fortlaufende Krankenbeobachtung“ umgewandelt, in dem entlassene Patienten nachbeobachtet wurden.

1904 beschrieb Neisser gemeinsam mit Kurt Pollack eine neue diagnostische und therapeutische Methode zur Hirn- und Lumbalpunktion. Er beschäftigte sich zudem mit der perniziösen Anämie, der Blei- und Arsenintoxikation, der Stoffwechselpathologie, besonders dem Diabetes mellitus und dem Coma bei der Leberzirrhose. Neisser plädierte 1920 für die Gabe sehr kleiner Joddosen beim Morbus Basedow.

Berliner Klinische Wochenschrift 1920
Berliner Klinische Wochenschrift 1920

Einer seiner Oberärzte war Fritz Schlesinger, der sich 1919 in Stettin als Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten niederließ.

68-jährig beendete Ernst Neisser seine klinische Tätigkeit in Stettin. Er leitete danach ein Sanatorium in Bad Altheide, Niederschlesien (heute Polanica-Zdrój, Polen), das er 1933 auf Druck der Nationalsozialisten verlassen musste.

Der Sohn des Ehepaares Neisser, Peter, starb 22-jährig 1929 in Heidelberg. Die Tochter Susan Vogel überlebte den Holocaust. Der Kunsthistoriker Hans Vogel war Neissers Schwiegersohn. Neisser war äußerst an Musik interessiert und selbst ein begabter Klavierspieler.

Ernst Neisser mit Enkelkind Agnes 1929 © Nicki Stieda
Ernst Neisser mit Enkelkind Agnes 1929 © Nicki Stieda

 

Berlin seit 1933

Seit 1933 lebte Neisser in Berlin und führte bis 1938 eine kleine Praxis. Als die Verfolgungen durch die Nationalsozialisten zunahmen, versuchten Freunde in Schweden mit Unterstützung durch Karl Bonhoeffer und Otto Hahn zunächst erfolglos, dem Ehepaar Neisser eine Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen. Die aus Stettin stammende Künstlerin Edith Junghans-Hahn und ihr Ehemann, der Chemiker und Atomforscher Otto Hahn, pflegten eine Freundschaft mit dem Ehepaar Neisser. Neissers Ehefrau, Margarethe, geb. Pauly, nahm sich im Oktober 1941 in der Kuranstalt Westend in Berlin-Charlottenburg in Folge einer psychischen Erkrankung das Leben.

Am 30.09.1942 erfuhr Ernst Neisser von seiner bevorstehenden Deportation in das Ghetto Theresienstadt. Die Nachricht über ein Einreisevisum nach Schweden kam zu spät.

Ernst Neisser starb 79-jährig nach der gezielten Einnahme einer Überdosis eines Schlafmittels am 04.10.1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin.

Der Medizinhistoriker Erwin Ackerknecht, der 1926 bei Ernst Neisser in der Inneren Medizin famuliert hatte, beschrieb diesen als wissenschaftlich stark interessierten hochkompetenten Kliniker, als guten Diagnostiker und sensiblen Therapeuten und als „a most human doctor“.

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Casuistische Mittheilungen. Ein Fall von Hautdiphtherie. Dtsch Med Wochenschr 1891;21: 703-705
  2. Zur Frühdiagnose der Tuberkulose bei der versicherungspflichtigen Bevölkerung. Klinisches Jahrbuch 1901; 8: 35-38
  3. Mit Pollack K.. Die Hirnpunktion. Probepunktion und Punktion des Gehirns und seiner Häute durch den intakten Schädel. Mitt Grenzgeb Med Chir 1904; 13: 807- 896
  4. Mit Braeuning H. Ueber Lungentuberkulosoid. Berl Klin Wochenschr 1910; 47: 715-716.
  5. Ueber Jodbehandlung bei Thyreotoxikose. Berl Klin Wochenschr 1920; 57: 461-463.
Danksagung

Sehr großer Dank gebührt der Enkeltochter Ernst Neissers, Agnes Stieda, Kanada, sowie seiner Urenkelin Nicki Stieda, ebenfalls in Kanada lebend, für die Überlassung wichtiger Dokumente, für wertvolle biographische Hinweise sowie für zahlreiche Fotografien.

Ebenso sei Richard Brook, USA, für die Kontaktvermittlung zur Famile Agnes Stiedas sowie Julia Drinnenberg, Jüdisches Museum Hofgeismar, für den Gedankenaustausch gedankt.


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Ernst Neisser

Verzeichnis der Quellen

  • Bayerische Staatsbibliothek. Neisser E. Dissertation: Beiträge zur Kenntnis des Glykogens. Berlin 1888. BSB, Diss.med 193-58 / 69: 30
  • Fugiel B. Geschichte des Städtischen Krankenhauses zu Stettin. Med. Dissertation, Universität Düsseldorf 1998: 42-54
  • Vogel, Susan. Bericht über meinen Vater. Unveröffentl. Maschinenschrift, überlassen von Nicki Stieda
  • Vogel, Susan. Abriss meines Lebens. Unveröffentl. Maschinenschrift, geschrieben in Potsdam vermutlich kurz nach Ende des II. Weltkrieges, dem Verfasser Harro Jenss überlassen von Julia Drinnenberg, Jüdisches Museum Hofgeismar.

Verzeichnis der Literatur

  • Ackerknecht E. Not famous men, but great teachers. Some personal experiences. Bull Hist Med. 1947; 21(6): 864f.
  • Fischer I. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Band I. Berlin, Wien: Urban & Schwarzenberg; 1932: 1105
  • Forsbach R, Hofer H-G. Internisten in Diktatur und junger Demokratie. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin 1933-1970. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2018: 431
  • Hahn O. Beziehungen zu Nichtariern 1933-1945. In: Keiser V. (Hg.). Radiochemie, Fleiß und Intuition – Neue Forschungen zu Otto Hahn. Diepholz: GNT- Verlag; 2018: 250f.
  • Kagan S. Jewish Physicians. Boston: Medico-Historical Press 1952: 307f.
  • Reddemann H. Zum 150. Geburtstag von Ernst Neisser. Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern 2013; 23 (Nr. 5): 186f.
  • Schöne G. Erinnerungen an Paul Morawitz und Ernst Neisser. Dtsch Med Wochenschr 1959; 84: 692-696
  • Schwoch R. Berliner Jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch. Berlin: Hentrich & Hentrich Verlag 2009: 646f.
  • Vogel, Susan. Die letzten Lebensjahre meines Vaters Professor Ernst Neisse. In: Collection ME 461 MM59 (Memoir). Leo Baeck Institute New York

Verzeichnis der Weblinks