Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Julius Bauer
1887 - 1979

Prof. Dr. med. Julius Bauer, Foto aus dem Einbürgerungsantrag 1939, Archiv H Je
Prof. Dr. med. Julius Bauer, Foto aus dem Einbürgerungsantrag 1939, Archiv H Je

Mitglied seit 1925

Gehörte von 1925 bis 1933 dem Ausschuss der Fachgesellschaft an

Flucht über Frankreich in die USA 1938

Konstitutionslehre 1921, Archiv H Je
Konstitutionslehre 1921, Archiv H Je

Prof. Dr. med. Julius Bauer

  • 1‌4‌.‌0‌8‌.‌1‌8‌8‌7‌, Nachod im damaligen Böhmen/heute Náchod, Tschechien
  • 0‌8‌.‌0‌5‌.‌1‌9‌7‌9‌, Beverly Hills, Kalifornien, USA
  • Geflohen 1938, USA
  • Wien
  • Facharzt für Innere Medizin

Julius Bauer wurde 1887 in der jüdischen Familie des Rechtsanwaltes Ludwig Bauer und dessen Ehefrau Clara, geborenen Schur, in Nachod, Böhmen, heute Náchod, Tschechien, geboren.

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Nach Schulbesuch und Reifeprüfung begann Julius Bauer 1905 das Medizinstudium an der Universität Wien. Während des Studiums interessierte sich Bauer frühzeitig für die Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie sowie Innere Medizin. 1910 wurde er in Wien promoviert. Besonders beeindruckte Bauer der Internist Adolf von Strümpell, der kurzzeitig 1909/1910 die III. Medizinische Abteilung der Wiener Allgemeinen Poliklinik leitete, bevor er an die Universität Leipzig wechselte. Kurzzeitig war Bauer an der II. Medizinischen Universitätsklinik in Wien bei dem Internisten Edmund Neusser tätig. 1911 folgte er dem Internisten Rudolf Schmidt an die Medizinische Universitätsklinik Innsbruck und forschte dort zu Stoffwechselerkrankungen, vorwiegend zu Schilddrüsenerkrankungen (Kretinismus) sowie zu Störungen des vegetativen Nervensystems. 1913 kehrte Bauer nach Wien zurück und ging, ausgestattet mit einem Stipendium, nach Paris, wo er in verschiedenen Kliniken sowie am Pasteur Institut tätig war. Aus dieser Zeit stammen seine Begegnungen mit Fernand Widal, Anatol Chauffard, der zu Lebererkrankungen forschte sowie mit dem Neurologen Joseph Babinski. Zurück in Wien wurde Bauer Assistenzarzt bei Julius Mannaberg an der Ersten Medizinischen Abteilung der Allgemeinen Wiener Poliklinik. Mannaberg, ein Schüler Hermann Nothnagels, beschäftigte sich als Internist insbesondere mit Infektionserkrankungen.

Während des Ersten Weltkrieges war Bauer „Landsturmpflichtiger Zivilarzt“ am Militärspital der Wiener Poliklinik. 1919 erfolgte die Habilitation und die Ernennung zum Privatdozenten für Innere Medizin an der Wiener Medizinischen Fakultät. Bauer hatte bis zu diesem Zeitpunkt 50 wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt. 1917 war die erste Auflage seines Werkes „Konstitutionelle Disposition zu inneren Krankheiten“ erschienen, das 1924 die dritte Auflage erlebte. 1921 wurden seine „Vorlesungen über allgemeine Konstitutions- und Vererbungslehre“ publiziert. Bauer beschäftigte sich neben dieser Thematik weiterhin intensiv mit Fragestellungen aus dem Gebiet der Endokrinologie. Zudem publizierte er zum Problem der Ulkuskrankheit. 1926 erfolgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Wiener Medizinischen Fakultät. 1927 veröffentlichte er sein Lehrbuch „Innere Sekretion, ihre Physiologie, Pathologie und Klinik“ im Verlag von Julius Springer.

Konstitutionslehre 1921, Archiv H Je
Konstitutionslehre 1921, Archiv H Je
Innere Sekretion 1927, Kopie Titelblatt, Archiv H Je
Innere Sekretion 1927, Kopie Titelblatt, Archiv H Je

1928 wurde er zum Ärztlichen Vorstand der III. Medizinischen Abteilung der Allgemeinen Wiener Poliklinik ernannt. 1929 hielt er neben Siegfried Thannhauser das Hauptreferat Endogene Fettsucht während der 9. Tagung der Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Berlin. Dieser Fachgesellschaft war eng verbunden. Er war seit 1925 ihr Mitglied und gehörte von 1925 bis 1933 dem Ausschuss der Fachgesellschaft an.

1931 übernahm Julius Bauer nach der Emeritierung von Julius Mannaberg ( 1860-1941 ) zusätzlich die Leitung der Ersten Medizinischen Abteilung der Wiener Poliklinik und versammelte eine große Gruppe wissenschaftlich aktiver Assistenten um sich, die sich mit Fragen aus der Endokrinologie, Hämatologie und Genetik beschäftigten. 1923, 1928 und 1930 besuchte Bauer die USA zu Vorträgen. In Baltimore konnte er mit dem deutsch-amerikanischen Physiologen und Gastroenterologen John C.-Hemmeter an der Johns Hopkins Universität und in Boston mit dem Diabetologen Elliott P. Joslin zusammentreffen.

 

Nach 1933

1935 publizierte Bauer in der Schweizer Medizinischen Wochenschrift seine eindeutige Kritik an der NS-Rassenideologie, der in Deutschland vertretenen Erbbiologie sowie an dem NS-Gesetz „Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Dieser Artikel löste zahlreiche heftige von NS- Ärztevertretern verfasste antisemitische Attacken auf Bauer aus. Bauer wurde in diesem Zusammenhang die Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin entzogen. Das Schreiben unterzeichnete Alfred Schwenkenbecher, Vorsitzender der DGIM 1935/36 ( Bauer hatte bis zu diesem Zeitpunkt dem Ausschuss der DGIM als informeller Vertreter Österreichs angehört ). Zudem war Bauers Teilnahme an den Internationalen Fortbildungstagen in Montreux nicht mehr möglich. Die deutschen Ärztevertreter hatten mit einem Boykott der Fortbildungstage gedroht.

An der Ersten Medizinischen Abteilung der Allgemeinen Wiener Poliklinik etablierte Bauer seit 1932 regelmäßige internistisch-klinische „Samstagsdemonstrationen“, die auf eine breite Resonanz stießen und rasch zu einer Fortbildungsinstitution wurden. 1937 nahm daran auch Ismar Boas teil, nachdem dieser aus Berlin nach Wien geflohen war.

Schweizerische medizinische Wochenschrift 1935, Archiv H Je
Schweizerische medizinische Wochenschrift 1935, Archiv H Je

Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938 wurde Bauer mit dem 21.04.1938 die Lehrbefugnis an der Wiener Medizinischen Fakultät entzogen. Der damalige kommissarische Dekan und Anatom Eduard Pernkopf unterzeichnete das entsprechende Schreiben. Am Tag darauf wurde Julius Bauer seines Amtes in der Allgemeinen Wiener Poliklinik enthoben. Mit ihm verloren mindestens acht seiner wissenschaftlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Wiener Poliklinik ihre Positionen. Sie hatten an Fragestellungen aus der Endokrinologie, Hämatologie und genetischen Forschung gearbeitet und mussten in die USA oder nach England fliehen.

Noch im April 1938 verließ Julius Bauer mit seiner Ehefrau und seinem Sohn (sein zweiter Sohn studierte in Genf) Wien und lebte in den folgenden acht Monaten in Paris. Ende Dezember 1938 gelangte er mit seiner Familie in die USA. Bauer erhielt am Medical Department der Louisiana State University Medical School, New Orleans, eine besoldete full time Stelle als Visiting Professor. 1940 wechselte er nach Los Angeles, wurde Clinical Professor of Medicine am College of Medical Evangelists (später Loma Linda Universität), arbeitete als Consultant in Medicine am Los Angeles County General Hospital und war Consultant in Medicine am Long Beach Veterans Administration Hospital, LA. Nach Ablegen der kalifornischen Staatsprüfung erhielt er die Lizenz, als Arzt zu praktizieren. Fortan führte er zusätzlich eine Privatpraxis. 1944 wurde ihm die US-Staatsbürgerschaft übertragen.

Buchpublikation 1958, Archiv H Je
Buchpublikation 1958, Archiv H Je

Julius Bauer gehört zu jenen, die nach ihrer Flucht in den USA weiterhin wissenschaftlich und publizistisch aktiv sein konnten und Möglichkeiten fanden, ihre Forschungsinteressen weiterzuverfolgen. 1961 wurde Bauer 74-jährig emeritiert. Er beteiligte sich auch danach als Lecturer in Medicine am Unterricht für Medizinstudenten an der University of Southern California.

Differential Diagnosis 1967, Archiv H Je
Differential Diagnosis 1967, Archiv H Je
Nachruf auf Julius Bauer, Lancet 1979, Archiv H Je
Nachruf auf Julius Bauer, Lancet 1979, Archiv H Je

Julius Bauer starb 91-jährig am 08.05.1979 in Beverly Hills, Kalifornien.

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Innere Sekretion, ihre Physiologie, Pathologie und Klinik. Berlin, Wien: Verlag von Julius Springer 1927
  2. Endogene Fettsucht. Verhlg Gesell Verdauungs- und Stoffwechselkr , IX. Tagung in Berlin 1929, Leipzig: Verlag von Georg Thieme 1930, S. 116-142
  3. Hypophyse und Wachstum. Klin Wochenschr 1930; 9: 625-628
  4. The so-called Cushing’s syndrome, its history, terminology and differential diagnosis. Acta Med Scand 1950; 37: 411-416
  5. Differential diagnosis of Internal Medicine: Clinical analysis and synthesis of symptoms and signs on pathophysiologic basis. New York: Grune & Stratton 1950.

Quellen und Literatur
zu den Quellen
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Julius Bauer

Verzeichnis der Quellen

  • Wyklicky H. Julius Bauer. Zur Feier seines 90. Geburtstags am 14. August 1977. Österreichische Ärztezeitung 1977; 32: 870-873
  • V.C.M. Julius Bauer, Obituary. Lancet 1979; 23. Juni, 1 (8130): 1359

Verzeichnis der Literatur

  • Fischer I. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Band I. Berlin, Wien: Urban & Schwarzenberg; 1932: 80
  • Bauer J. Medizinische Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts im Rahmen einer Autobiographie. Wien: Wilhelm Maudrich Verlag 1964
  • Hubenstorf M. Österreichische Ärzte-Emigration. In: Stadler F. Vertriebene Vernunft Vernunft I. Emigration und Exil Österreichischer Wissenschaft 1930–1940. Wien, München: Jugend und Volk; 1. Aufl. 1987: 359-415, hier 393-4.

Verzeichnis der Weblinks