Eine Erinnerungsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
In Erinnerung an

Prof. Dr. med.
Paul Richard Neukirch
1885 - 1962

Prof. Dr. med. Paul R. Newkirk <br> © Leonore Lynch, USA
Prof. Dr. med. Paul R. Newkirk
© Leonore Lynch, USA

Mitglied seit 1926

Studium in Heidelberg

Erstbeschreiber von Salmonella paratyphi C (Erzincan/Neukirch) 1917

Berliner Klinische Wochenschrift 1917
Berliner Klinische Wochenschrift 1917
Habilitationsschrift, Düsseldorf 1920
Habilitationsschrift, Düsseldorf 1920
Paul R. Newkirk um 1960 <br> © Leonore Lynch, USA
Paul R. Newkirk um 1960
© Leonore Lynch, USA

Prof. Dr. med. Paul Richard Neukirch

  • 2‌6‌.‌1‌2‌.‌1‌8‌8‌5‌, Frankfurt am Main
  • 1‌2‌.‌0‌1‌.‌1‌9‌6‌2‌, Sedro Woolley, Bundesstaat Washington, USA
  • Mitglied seit 1926
  • Geflohen 1933, USA
  • Düsseldorf
  • Facharzt für Innere Medizin

Paul Richard Neukirch wurde 1885 in Frankfurt am Main als Sohn des Justizrates Dr. Adolf Neukirch geboren. Er besuchte seit 1895 das Goethegymnasium seiner Heimatstadt und legte dort 1904 das Abitur ab.

 

Ausbildung und Wirkungsstätte

Neukirch studierte seit 1904 an den Universitäten Freiburg, Berlin und seit 1908 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg Medizin. Dort bestand er am 29.11.1909 das Staatsexamen und wurde 1910 mit der Arbeit „Über morphologische Untersuchungen des Muskelglykogens und eine neue Art seiner Fixation“ promoviert. Das praktische Jahr absolvierte er im Institut für Pathologie der Universität Heidelberg, an der I. Medizinischen Universitätsklinik in Wien sowie in Straßburg. 1911 arbeitete er für sechs Monate am Institut für Pharmakologie der Universität Utrecht bei dem Physiologen und Pharmakologen Rudolf Magnus.

Dissertation, Heidelberg 1910
Dissertation, Heidelberg 1910

1912 wechselte er in das Biochemische Labor am Städtische Klinikum Am Urban Berlin zu Peter Rona. Mit diesem publizierte Neukirch gemeinsame „Experimentelle Beiträge zur Physiologie des Darmes“ in Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen. Seit 1914 war er in der Medizinischen Universitätsklinik Kiel bei Hugo Lüthje tätig.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Neukirch im Rahmen einer Roten-Kreuz-Expedition zur Forschung auf dem Gebiet der Infektiologie nach Konstantinopel und Erzincan in der Türkei abgeordnet. Neukirch entdeckte und beschrieb erstmals Salmonella paratyphi C (Erzincan/ Neukirch). Er beschäftigte sich zudem mit Fragen der Immunisierung und suchte nach Möglichkeiten zur Entwicklung eines Fleckfieber-Impfstoffes. Im Lazarett des Deutschen Roten Kreuzes in Konstantinopel arbeitete er mit Theodor Zlocisti zusammen.

1915 war Neukirch in Erzincan als Leiter eines Lazarettes Augenzeuge der Verfolgungen der Armenier und verfasste hierüber Berichte, die über seinen Bruder, Rechtsanwalt Dr. Carl Neukirch in Frankfurt, und über seinen Schwager Hugo Koenigswerther an das Auswärtige Amt in Berlin und von dort im November 1915 an den Geschäftsträger der Deutschen Botschaft in Konstantinopel gelangten. Neukirch protestierte in Erzincan erfolglos gegen die Verhaftung einer typhuskranken armenischen Frau in seinem Lazarett.

Berliner Klinische Wochenschrift 1917
Berliner Klinische Wochenschrift 1917

Am Ende des Ersten Weltkriegs kehrte Neukirch an die Medizinische Universitätsklinik Kiel zurück, die inzwischen von Alfred Schittenhelm geleitet wurde. In Kooperation mit Hans Sachs vom Institut für Experimentelle Therapie am Georg Speyer Haus in Frankfurt (heute Paul-Ehrlich-Institut) arbeitete Neukirch an einem praxistauglichen Lues-Test (Sachs-Georgi-Reaktion). Im Dezember 1919 wechselte Neukirch von Kiel an die Medizinische Klinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf zu Erich Boden, mit dem er seit gemeinsamen Jahren an der Kieler Medizinischen Klinik freundschaftlich verbunden war. Im Jahr darauf, 1920, wurde er an der Düsseldorfer Medizinischen Akademie mit der Arbeit zur Lues-Serologie, die in Kiel entstanden war, habilitiert. 1923 erfolgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor.

Habilitationsschrift, Düsseldorf 1920
Habilitationsschrift, Düsseldorf 1920
Paul R. Neukirch in den 1920er Jahren © Leonore Lynch, USA
Paul R. Neukirch in den 1920er Jahren © Leonore Lynch, USA

 

Flucht in die USA 1933

Nach Beginn der NS-Diktatur war Neukirch, obwohl evangelisch getauft, als „Nicht-Arier“ nach der NS-Zuschreibung gefährdet. Am 30.11.1933 floh er mit seiner Ehefrau und den beiden Töchtern von Hamburg aus mit der S.S. St. Louis der Hamburg Amerika Linie in die USA. New York erreichte die Familie am 10.12.1933. Sein Bruder, der Kaufmann Otto Neukirch, war in den 1920er Jahren in die USA ausgewandert. Neukirch lebte mit seiner Familie in Scarsdale, New York. Nach Sprachprüfungen und amerikanischem Examen konnte er in privater Praxis und vorübergehend im Lenox Hill Hospital, dem früheren German Hospital, in New York tätig sein. 1939 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.

In den USA änderte Neukirch seinen Nachnamen in Paul Richard Newkirk. Er wandte sich der Psychiatrie und Psychotherapie zu, wechselte 1940 in den Bundesstaat Washington und wurde 1952 Clinical Director in einer großen Klinik für Psychiatrie am Northern State Hospital for Insane in Sedro Woolley nahe der amerikanisch-kanadischen Grenze, etwa 100 km nördlich von Seattle. In dieser Klinik wurden Anfang der 1950er Jahre 2200 Patienten betreut. In den USA war er Mitglied im American College of Cardiology and in der American Psychiatric Association.

Paul Richard Newkirk starb im Januar 1962 76-jährig in Sedro Woolley.

Paul R. Newkirk um 1960 <br> © Leonore Lynch, USA
Paul R. Newkirk um 1960
© Leonore Lynch, USA

Eigene Publikationen (Auswahl)

  1. Mit Rona P. Experimentelle Beiträge zur Physiologie des Darmes. III. Mitteilung. Pflügers Arch ges Physiol 1912; 148: 285-294
  2. Mit Zoclisti Th. Epidemiologische und klinische Erfahrungen bei Fleckfieber in Ostanatolien. Med Klin 1916; 12: 256-259
  3. Über Paratyphusbakterien im Blute bei Ruhrerkrankungen in der Türkei. Berl Klin Wochenschr 1917; 54: 360-364
  4. Über menschliche Erkrankungen durch Bazillen der Glässer – Voldagsengruppe in der Türkei. Ztsch Hyg Infektionskr 1918; 85: 103-145
  5. Mit Boden E. Elektrokardiographische Studien am Säugetier- und Menschenherzen bei direkter und indirekter Ableitung. Pflügers Arch ges Physiol 1918; 171: 146-191
  6. Bronchodilatatorische Suprareninwirkung bei Grippe. Klin Wochenschr 1922; 1: 451-452
Danksagung

Der Enkeltochter Paul R. Newkirks, Leonore Lynch, USA, gebührt besonderer und sehr großer Dank für die Überlassung der unveröffentlichten autobiographischen Aufzeichnungen ihres Großvaters sowie der ebenfalls unveröffentlichten Aufzeichnungen von Marianne Katz-Newkirk, der Tochter Paul Newkirks. Auch sei Leonore Lynch für die Bereitstellung der eindrücklichen Porträtfotos ihres Großvaters gedankt. Mary McGoffin, Sedro Woolley, hat die Kontakte zur Newkirk-Familie hergestellt. Ihr gebührt ein sehr großer und außerordentlicher Dank für ihre unkomplizierte Hilfe und Vermittlung.


Quellen und Literatur
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Quellen/Literatur/Weblinks

Biografie von Prof. Dr. med. Paul Richard Neukirch

Verzeichnis der Quellen

  • Archiv und Bibliothek Museum Sedro Woolley, Washington (Sharon Howe)
  • Marianne Katz-Newkirk. Biographical sketch of Paul R Newkirk, 1991. Unveröffentlicht. Dem Verfasser Harro Jenss überlassen von Leonore Lynch.
  • Northwest Regional Branch of the Washington State Archives (u.a. Employee Card – Newkirk, Paul R., Kopie NHS News vom 16. Sept. 1940 und 15. Sept. 1961)
  • Paul Richard Newkirk. Curriculm vitae. o. J., unveröffentlicht. Dem Verfasser Harro Jenss überlassen von der Enkeltochter Leonore Lynch.
  • Persönlicher Auskunft Mary McGoffin sowie Leonore Lynch und Marianne Newkirk, Töchtern von Paul R Newkirk, an den Verfasser Harro Jenss
  • Staatsbibliothek Berlin. Neukirch P. Dissertation: Über morphologische Untersuchungen des Muskelglykogens und eine neue Art seiner Fixation. Heidelberg 1910. SBB-PK, Sign Ja 8380-1910.3: 18f.
  • Stadtarchiv Düsseldorf. Familienmeldekarte, Film Nr. 7-4-3-219_0410. Auskünfte vom 16.9.2020.

Verzeichnis der Literatur

  • Etker S. Bir bakterinin biyografisi – S. paratyphi Erzincan (Neukirch). Osmanli Bilimi Arastirmalari (Journal für Osmanische Wissenschaftsforschung) 2018; 19: 87-109
  • McGoffin MJ. Under the red roof: 100 years at Northern State Hospital; 2020
  • o.V. Dr. Newkirk retires. In: The NSH news, 15. September 1961 (No.37)
  • o.V. Obituary. Paul R. Newkirk. Northwest Medicine, Seattle: 1962; 61: 439
  • o.V. Deaths. JAMA 1962; 180: 421

Verzeichnis der Weblinks

  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin. Bericht eines Arztes des Deutschen Rot Kreuz-Lazaretts in Ersindschan. DE/PA-AA/BoKon 96/ Bl. 66-68. / Botschaftsjournal 10-12/1915/6278. Vgl. Gust W, Gust S. Armenocide. A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. Im Internet: http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1915-06-29-DE-005; Stand: 20.08.2021

  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin. Das Auswärtige Amt an den Geschäftsträger in Konstantinopel (Neurath). DE/PA-AA/BoKon/171. Botschaftsjournal A53a/1915/6600, laufende Botschafts/Konsulatsnummer Nr 838. Vgl. Gust  W, Gust S. Armenocide. A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. Im Internet: www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1915-11-06-DE-11; Stand: 20.08.2021

  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin. Das Geheime Zivil-Kabinet des Kaisers (Valentini) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg). DE/ PA-AA/R14093, Zentraljournal 1916-A-24663. Vgl. Gust  W, Gust S. Armenocide. A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. Im Internet: http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1916-09-10-DE-001; Stand: 20.08.2021