Prof. Dr. med. Richard Mühsam
- 10.03.1872, Berlin
- 21.11.1938, Berlin
- Mitglied seit 1925
- Berlin
- Chirurg
Richard Mühsam, geboren 10.3.1872 in Berlin, war der Sohn des Arztes und Sanitätsrates Dr. Eduard Mühsam und dessen Ehefrau Clara, geb. Jaffé. Der Vater stammte aus Pitschen/Byczyna, im früheren Kreis Oppeln in Schlesien, heute Polen, die Mutter aus dem heutigen Poznan, Polen. Die Familie bekannte sich zur jüdischen Glaubensgemeinschaft. Richard Mühsam wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf. Wilhelm, geb. 1874, wird ebenfalls Medizin studieren und ein bekannter Berliner Augenarzt werden. Der jüngste Bruder Franz, geb. 1883, wird als Kaufmann tätig sein.
Ausbildung und Wirkungsstätte
Nach dem Abitur 1889 am traditionsreichen Berliner Königlichen Französischen Gymnasium studierte Mühsam in Würzburg und Berlin Medizin. Dort legte er 1893 das Staatsexamen ab und promovierte im Juli des Jahres mit der Arbeit „Über den Fundort des Bacillus pyocyaneus und seine Farbproduction bei der Symbiose mit anderen Mikroorganismen“.
1894 erhielt er die ärztliche Approbation. Als Student war Mühsam 1892 drei Monate als Mitarbeiter bei Curt Th. Schimmelbusch in der Chirurgischen Universitätsklinik in der Berliner Ziegelstrasse, Leiter Ernst von Bergmann, tätig. Schimmelbusch hatte gerade seine grundlegende Arbeit zur aseptischen Wundbehandlung veröffentlicht. Zudem führte er zur Verbesserung der Narkose die „Schimmelbusch-Maske“ ein und etablierte gemeinsam mit von Bergmann die Dampfsterilisation.
1893 famulierte Richard Mühsam bei Georg Klemperer in der I. Medizinischen Universitätsklinik der Charité, die von Ernst von Leyden geleitet wurde. Mühsam wurde durch die „Berliner Schule“ mit einer streng naturwissenschaftlich orientierten Medizin geprägt. Zu seinen Lehrern zählten neben von Bergmann und von Leyden der Pathologe Rudolf Virchow, der Internist Carl Gerhardt, der Hygieniker Max Rubner, der Pharmakologe Oscar Liebreich sowie der Gynäkologe Robert von Olshausen.
1895/96 arbeitete er bei Carl Weigert am Pathologisch-anatomischen Institut der Senckenbergischen Stiftung Frankfurt. Im November 1896 heiratete Richard Mühsam die 1875 in Berlin geborene Helene Ottilie Weigert. 1897 wurde der Sohn Eduard, 1909 die Tochter Gerda geboren.
Von 1896 bis 1906 war er Assistenz- und Oberarzt an der II. Chirurgischen Abteilung bei Eduard Sonnenburg am Städtischen Krankenhaus Berlin-Moabit. Von 1906 bis 1919 hatte er die Funktion des dirigierenden Arztes dieser Abteilung nach dem Ausscheiden Sonnenburgs inne.
Während des Ersten Balkankrieges im Winter 1912 / 1913, der dem Ersten Weltkrieg voranging, war Richard Mühsam Mitglied einer Expedition des Deutschen Roten Kreuzes in Serbien zur Behandlung verwundeter Soldaten in einem Lazarett in Belgrad. Am Ersten Weltkrieg nahm er aktiv als Leitender Chirurg eines Kriegslazaretts und als chirurgischer Berater der Heeresführung in Berlin teil. Für seine Aktivitäten vor und während des Ersten Weltkrieges erhielt Mühsam zahlreiche Orden.
1918 erhielt er eine Titularprofessur der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.
Mühsam war ein breit ausgebildeter Chirurg. 1903 publizierte sein Mentor Eduard Sonnenburg gemeinsam mit Mühsam das Compendium der Operations- und Verbandstechnik.
Ein Schwerpunkt seiner klinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit bezog sich auf die Bauchchirurgie, insbesondere die Chirurgie des Magen- und Duodenalulcus, die Chirurgie der Appendix sowie der Milz. Gemeinsam mit dem Berliner Hämatologen Hans Hirschfeld veröffentlichte Mühsam das Standardwerk „Chirurgie der Milz“.
Zusammen mit seinem Sohn Eduard erarbeitete Richard Mühsam in der Neuen Deutschen Klinik einen Beitrag zum Morbus Hirschsprung.
Neurochirurgische und unfallchirurgische Eingriffe gehörten ebenso zu seinem weiteren Tätigkeitsspektrum. Richard Mühsam gehörte zu den Pionieren, die frühzeitig für eine Standardisierung der OP- Instrumentarien in den Chirurgischen Kliniken in Deutschland plädierten.
Vorübergehend beschäftigte sich Mühsam mit der Sexualchirurgie. 1919/1920 kooperierte er mit der Magnus Hirschfeld Gesellschaft.
Seit dem Oktober 1920 bis 1933 war Mühsam Leiter der I. Chirurgischen Klinik am großen Städtischen Rudolf-Virchow-Krankenhaus (RVK) in Berlin sowie Ärztlicher Direktor des Gesamt-Klinikums. Die I. Chirurgische Klinik verfügte in der damaligen Zeit über 180 Betten. Mühsams kollegialer Partner in der II. Chirurgischen Klinik am RVK war Ernst Unger.
Nach 1933
1933 entzogen die NS-Behörden Richard Mühsam die Position als Leitender Chirurg am RVK Berlin. Aus dem öffentlichen Gesundheitswesen wurde er entlassen. In der Folgezeit konnte er in Berlin eine private Praxis führen. Am 30.09.1938 wurde ihm die ärztliche Approbation aberkannt.
Richard Mühsam starb 66-jährig am 21.11.1938 im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin-Schmargendorf. Todesursache waren die Folgen eines perforierten Duodenalulcus, einer Erkrankung und deren Komplikation, mit der sich Mühsam selbst seit 1910 wiederholt beschäftigte, dazu ausführlich publizierte und für eine frühzeitige Operation plädierte. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee.
Richard Mühsams Ehefrau Helene Ottilie Mühsam-Weigert, geb. 10.3.1875, floh 1939 aus Berlin zunächst nach Großbritannien. Am 7. Mai 1943 gelangte sie von Liverpool aus in die USA und lebte fortan in Denver, Colorado, in der Nähe ihrer Tochter. Helene Mühsam starb 94-jährig 1969 in Denver.
Mühsams Sohn Eduard, geb. am 31.8.1897, studierte Medizin und wurde wie sein Vater Chirurg. Er spezialisierte sich im Fach Urologie. Im Zusammenhang mit dem November-Pogrom 1938 wurde er am 11.11. 1938 im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach einer Intervention seiner Mutter bei den NS-Behörden – der Vater Richard Mühsam starb am 21. 11. 1938 – wurde Eduard Mühsam am 23.11.1938 aus dem KZ entlassen. So konnte er an der Beerdigung seines Vaters teilnehmen. Am 2. Januar 1939 floh er aus Deutschland nach Großbritannien. Im September 1940 gelangte er gemeinsam mit seinem Sohn Gerhard via Liverpool in die USA. Er lebte in New York City und erhielt nach Ablegen des amerikanischen Staatsexamens und der Sprachprüfungen eine Lizenz zu ärztlicher Tätigkeit.
Neben der eigenen Privatpraxis mit dem Schwerpunkt Urologie operierte er als Attending Physician in verschiedenen Krankenhäusern Manhattans. Seit 1946 war er in zweiter Ehe mit Dr. Margarete Therese Mühsam-Edelheim verheiratet (1891-1975), die sich als Journalistin und Rechtsanwältin in Berlin vielfältig für jüdische Organisationen einsetzte. Nach ihrer Flucht in die USA arbeitete sie u.a. für das American Jewish Comittee (AJC). Sie war Mitbegründerin des Leo Baeck Instituts New York. Von 1955 bis zu ihrem Tod 1975 war sie in diesem Institut tätig. Das Ehepaar wohnte am Riverside Drive in Manhattan. Eduard Mühsam starb 1977 in New York. Seine erhaltene Grabstätte befindet sich auf dem Cedar Park Friedhof, Paramus, Bergen County, New Jersey.
Eduard Mühsams Sohn aus erster Ehe, Gerhard Ernst (Gerald Ernest) Mühsam, geb. 15.7.1924 in Berlin, besuchte nach der Flucht mit seinem Vater im Januar 1939 die öffentliche St. Edward’s Schule in Oxford. Er blieb als Schüler von 1939 bis 1940 an dieser Schule, während er und sein Vater auf ein Visum für die USA warteten. Nach Erreichen der USA konnte Gerhard Mühsam das Williams College in Williamstown, Massachusetts, besuchen. Am Columbia University’s College of Physicians and Surgeons wurde er zum Medizinstudium akzeptiert, musste jedoch wegen seines jungen Alters ein Jahr auf den Beginn des Studiums warten. In dieser Situation begann er das Medizinstudium an der Temple University School of Medicine in Philadelphia und legte dort 1946 das Examen ab.
Von 1948 bis 1949 diente Gerald Muehsam in der US-Armee und kehrte als Captain des US Army Medical Corps weniger als zehn Jahre nach seiner Flucht in das besetzte Deutschland zurück. Gerald Muehsam war ein Internist, zertifiziert durch das amerikanische Board of Internal Medicine, spezialisiert in der Kardiologie. Neben seiner privaten Praxis war er als Attending Physician am Orange Memorial Hospital in Orange, New Jersey, tätig. Dort war er ein Pionier der Herzkatheteruntersuchung sowie ärztlicher Direktor des Hospitals. Er starb 1992 in Massachusetts.
Die 1909 geborene Tochter Richard und Helene Mühsams, Gerda Mathilde, studierte in Heidelberg und Paris. 1932 heiratete sie den Juristen Karl Manuel Breit. Das Ehepaar gelangte am 28. April 1939 von Southampton aus nach New York und übersiedelte nach Denver im US- Bundesstatt Colorado. Nach weiteren Studien erhielt Gerda Breit-Mühsam eine Professur für deutsche Sprache und Literatur an der Universität von Colorado. Sie lebte zuletzt in Woodbridge, New Haven County, Connecticut und starb am 15. 1. 2005 im Yale New Haven Hospital. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Fairmount Cemetery, Denver.
Richard Mühsams Bruder, der Augenarzt Dr. med. Wilhelm Mühsam, übernahm 1908 die Augenklinik seines Lehrers Julius Hirschberg in der Berliner Reinhardtstrasse 34. 1936 wurde er von den NS-Behörden zur Aufgabe der Klinik gezwungen. Er starb in Berlin am 18.10.1939.
Richard Mühsams Schwägerin und Neffe, Wilhelm Mühsams Ehefrau Paula Mühsam, geb. Guttentag und deren gemeinsamer Sohn Dr. phil. Heinrich Eduard Mühsam, geb. 12.7.1900 – bis 1934 Journalist und Redakteur im Ullstein Verlag – wurden am 30.6.1942 von Berlin in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Paula Mühsam starb im Ghetto am 10.5.1943. – Heinrich Mühsam wurde aus dem Ghetto Theresienstadt am 19.10.1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. – Wilhelm und Paula Mühsams Sohn Rudolf konnte in die USA, ihre Tochter Louise Mühsam-Tiktin nach Australien fliehen.
Richard Mühsam jüngster Bruder, der Kaufmann Franz Mühsam, geb. 5.1.1883, lebte wie seine beiden Brüder in Berlin. Vor der drohenden Deportation nahm er eine Überdosis eines Schlafmittels und starb an den Folgen der Schlafmittelvergiftung im Jüdischen Krankenhaus Berlin am 23.1.1943.
Danksagung
Den Ur-Enkelkindern Richard und Helene Mühsams, Patricia Muehsam, MD, und David Muehsam, PhD, beide in den USA lebend, gilt mein sehr großer Dank für wertvolle weitergehende Hinweise sowie für die großartigen Fotographien aus dem Archiv der Familie Mühsam, für das Leo Baeck Institut zusammengestellt. Dr. Astrid Ley, Gedenkstätte KZ Sachsenhausen, danke ich für den Gedankenaustausch und für Dokumente aus dem Archiv der Gedenkstätte.
Beitrag von Dr. med. Harro Jenss, Worpswede. Erstveröffentlichung 2021. Neu verfasst 1. 9. 2026
Quellen und Literatur
zu den Quellen